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  • [Kult] Taroticum - Teil 3 (Mo 25.11. - 19.30 Uhr): 25. November 2019
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Autor Thema: [Kult: Divinity Lost] Taroticum (voll)  (Gelesen 687 mal)

Mr.F.Johnson

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  • 25. September 2019, 23:34:07
[Kult: Divinity Lost] Taroticum (voll)
« am: 25. September 2019, 23:34:07 »

Taroticum - Eine Kampagne für Kult: Divinity Lost

London, schmutziges, sündhaftes, magisches London. Ein Moloch auf einem Labyrinth erbaut. Zwei Leiber, wie im Liebesspiel eng verschlungen: Hier die Stadt. Und da die andere Stadt. Dazwischen nur ein dünnes Leinentuch. Leichentuch. Was als Wimmelbild erscheint, als Schmelztiegel, als unzähmbares Chaos folgt in Wirklichkeit einer ausgeklügelten Ordnung. Ein Plan, von keinem Menschen erdacht. Die Karten des Taroticum sind der Schlüssel, um diese Ordnung, die allen Dingen innewohnt aber in London ganz besonders präsent ist, zu verstehen. Und wer die geheime Ordnung der Dinge versteht, der kann sie verändern. Manipulieren. Kontrollieren. Das schwarze Auge des Terrors richtet sich begierig auf London. Sucht. Giert. Verschlingt. Etwas nähert sich. Das Leichentuch fällt...




Wir spielen die Kampagne "Taroticum" für Kult: Divinity Lost. Es handelt sich dabei um eine Neuauflage einer klassischen Kampagne aus den 1990ern, geschrieben von Gunilla Jonsson und Michael Petersén, den kreativen Köpfen hinter der 1. Edition von Kult.
Taroticum bietet den Spieler*innen die Möglichkeit, eine Entdeckungsreise in die Tiefen des Kult-Mythos anzutreten, die deren Charaktere nahe an das Erwachen führen kann. Vorausgesetzt natürlich, es gelingt ihnen am Leben und bei Verstand zu bleiben. Die ursprünglich recht lineare Kampagne wird durch das neue an PbtA angelehnte Regelwerk um einige Möglichkeiten zu intensivem Characterspiel erweitert.

Der Ausgangspunkt der Reise ist London.

Wir beginnen mit einem kurzen Vorspiel im Jahr 1892. Die Spieler*innen übernehmen die Rolle von Wärtern im Gefängnis Ihrer Majestät Sandburn. London ächzt unter der Last der Industrialisierung: Die Sonne mag zwar über dem weltumspannenden Empire Ihrer Majestät Königin Victoria niemals untergehen, doch was haben die Bewohner Londons davon. Die Sonne schafft es ohnehin nur an den wenigsten Tagen ihre Strahlen durch die aschfahle Wolkendecke über der Stadt zu pressen. Während die ländlichen Gegenden darben, sind die Städte überfüllt und verstopft von den elenden, schmutzigen Massen, die sich tagein, tagaus aus den aus dem Boden gestampften Arbeitervierteln in die Industrieanlagen und Werften schleppen, um ihre Leiber ins Getriebe des Maschinenraums dieses Empires zu werfen, an dessen Reichtum und Pracht nur die wenigsten Anteil haben. Die Überbevölkerung schlägt sich auch in den Gefängnissen nieder und Sandburn ist keine Ausnahme. Wäre da nicht der neue Gouverneur, Anthony Seymour, der ein besonders hartes und perfides Regiment eingeführt hat, wäre es längst zur Revolte gekommen, sind sich seine Protegés, die Captains der Wache, sicher.

Der Großteil der Kampagne spielt im Jahr 1992. Die britische Gesellschaft steckt in einem Interregnum. Die Ära des Thatcherismus hat die Gesellschaft tief gespalten : Auf der einen Seite die verarmte, ausgeblutete Arbeiterschicht, die sich aufgrund staatlicher Spardiktate schutzlos dem Ausverkauf der britischen Industrie ausgeliefert sieht. Auf der anderen Seite die glitzernden Wolkenkratzer Londons, wo Investmentbanker mit Währungen spekulieren und in Sekunden den Wohlstand von Nationen verbrennen. Die Eiserne Lady ist gefallen. Verraten von den Hinterbänklern der eigenen Partei. John Major, der hemdsärmelige und gutmütige Aufsteiger aus bescheidenen Verhältnissen, wurde zu ihrem Nachfolger erkoren. Er geht aus der General Election als Premierminister hervor. Aber ist er wirklich die Marionette, für die seine politische Ziehmutter ihn hielt? Manche Teufel töten mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen. Er führt die britische Gesellschaft in die Europäische Union, zugleich spielt er mit den Geistern des Patriotismus und Nationalismus, um den sozialen Kahlschlag und die Verelendung der von ihm weitergeführten marktradikalen Politik Thatchers zu übertünchen. Das Land lechzt nach Veränderung. Umbruch. Umsturz?

Vier Londoner - jede und jeder ohne deren Wissen längst von der Macht des Taroticum berührt - sehen einer ungewissen Gegenwart entgegen. Die Schädel. Die Augen. Die Stundengläser. Die Mondsicheln. Der Kreis schließt sich.



Es spielen:

Name SpielerName SC (Prolog)Name & Archetyp SC (Hauptspiel)
stuntschaf   aka   William "Bloody Bill" Tailor   aka   Todd Galwny (The Weekend Warrior)
Melora   aka   Michael Brown   aka   Tammy Lawrence (The Broken)
sicDaniel   aka   Harlan O'Connor   aka   Isaac Starkweather (The Academic)
Frostgeneral   aka   Richard "Rick" Dorsley   aka   Pater Sebastian MacDothery (The Prophet)



Software: Roll20 (Spieloberfläche), mycircle.tv (Musik) und TeamSpeak (wir sind in der Regel in Eisenkessels Irrenhaus - danke an Eisenkessel  :-*)

Die Runde wird von uns aufgezeichnet. Ob wir sie auch ausstrahlen werden, wird das Ergebnis zeigen.

Für die musikalische Untermalung bedanken wir uns insbesondere bei Cryo Chamber - Dark Ambient Music, die sich (nicht nur, aber auch) für Rollenspiele hervorragend eignet!

Desweiteren bedanke ich mich bei Red Moon Roleplaying und Anders Fager für die Prolog-Geschichte "Faraday", die ich übersetzen und nutzen darf.



Spieltermin: Circa 14-tägig montags bzw.
 dienstags; wird gruppenintern genauer abgestimmt; bei Interesse zuzuhören: bitte am jeweiligen Spielabend bei mir kurz melden, ich kläre das mit der Gruppe ab.

NÄCHSTER TERMIN: Mo, 25.11., 19.30 Uhr - Taroticum - Kapitel 1: Ein Hilferuf, Teil 3

ZUKÜNFTIGE TERMINE (siehe Doodle)

TagDatumUhrzeitAnmerkungen

VERGANGENE TERMINE
TagDatumUhrzeitAnmerkungen
Mo30.09.19.15 UhrProlog, Teil 1
Mo01.10.19.15 UhrProlog, Teil 2
Mo14.10.19.30 UhrProlog, Teil 3
Di22.10.19.30 UhrKapitel 1, Teil 1
Di28.10.19.30 UhrKapitel 1, Teil 2
« Letzte Änderung: 13. November 2019, 17:42:02 von Mr.F.Johnson »
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  • 30. September 2019, 15:24:12
Re: [Kult: Divinity Lost] Taroticum (voll)
« Antwort #1 am: 30. September 2019, 15:24:12 »

Kapitel 1: 1854 – Der Mond / Nahemoth
Nach dem heiligen Tarot, das nur einmal im Leben ausgelegt werden kann, wurde ich im Zeichen Nahemoths geboren. Welch Segen! Welch günstiges Zeichen!
„Oh, Liebes. Rupert wurde unter der Ägide Nahemoths geboren, Göttin des perversen Freaks.“ Gepriesen sei sie, törichter Engel der Hässlichen. Ich war ein hübsches Kind. Das sagte man mir jedenfalls.
In meiner frühesten Erinnerung flitze ich über den Rasen. Meine Eltern sitzen, beide zusammen, an einem kleinen Tischlein. Sie sprechen über etwas, das ich nicht verstehe. Ich erinnere mich, damals gedacht zu haben, dass ich sie gern verstanden hätte. Ich erinnere mich, dass ich später oft an solche Szenen gedacht und mir gewünscht habe, sie hätten öfter so zusammen gesessen. Sie waren nette Leute, beide. Sie wussten nur nicht wie sie damit umgehen sollten, ein Paar zu sein, geschweige denn zu lieben. Verheiratet zu sein und Kinder zu haben war nur eine weitere lästige Pflicht, die sie erfüllten, weil man es von ihnen erwartete. So viele Jahre später wünsche ich mir immer noch, ich hätte den Mut gehabt sie zu fragen, wie sich das anfühlt. Waren sie Freunde geworden oder liebten sie sich wirklich, oder kamen sie einfach nur irgendwie miteinander aus?
Geboren im Zeichen Nahemoths. Törichter Engel der Hässlichen. Ich wuchs zu einem gutaussehenden Mann heran. Vielleicht lag die Missgestalt in meiner Seele. Oder in den abgestumpften Herzen meiner Eltern.
Aus: Das Leben und Unleben des Rupert Faraday, von Anders Fager




Wir beginnen die Kampagne am Montag, 30.09.2019, und Dienstag, 01.10.2019, mit einem Prolog, der uns ins London des ausklingenden Jahres 1892 führt, genauer nach Clapham, Burough of Lambeth, und in die Haftanstalt Ihrer Majestät Sandburn.

Darin spielen...

Frostgeneral = Richard Dorsley
sicDaniel = Harlan O'Connor
stuntschaf = William Tailor
Melora = Michael Brown



Es ist Freitag, der 22. Dezember 1892. Die vier Captains der Wache stehen in unchristlicher Frühe um ein flaches, der gefrorenen Erde abgerungenes Grab herum auf dem Friedhof des Gefängnisses Sandburn. Der Gouverneur, Anthony Seymour, hat ihnen aufgetragen den in der Nacht verstorbenen Lionel Johnson in einem namenlosen Grab zu verscharren, ehe der Rest des Gefängnisses erwacht. Fünf Monate zuvor führten Michael Brown, Richard Dorsley, Harlan O'Connor und William Tailor eine Scheinexekution durch: Statt Lionel Johnson, dem Rädelsführer des Aufstandes von '92 baumelte ein an der Ruhr krepierter Insasse vom Galgen. Johnson hingegen wurde in den tiefsten Keller gesperrt, wo er seit dem allein in der Dunkelheit und ausschließlich von den Essensresten der Captains ernährt ausharren musste und schließlich dem Wahnsinn verfiel. Kein Wunder, dass er sich irgendwann mit einer aus der Wand gerissenen gusseisernen Halterung seiner Ketten die Kehle aufschlitzte. Oder?
Nach verrichteter Tat wurden die Captains beim Gouverneur vorstellig. Dieser gab seinen treuen Untergebenen anlässlich des nahenden Weihnachtsfests eine Runde teuren Brandy aus - und einen saftigen Weihnachtsbonus. Doch der kam nicht umsonst. Seymour zog seine loyalsten Männer ins Vertrauen: In der Nacht würde eine besondere Gefangene an das Gefängnis überstellt, von der niemand sonst erfahren durfte. Eine Hexe, von einem Geheimgericht Ihrer Majestät der Mitverantwortung für den Ton ihres Enkels, Victor Albert, Herzog Clarence, für schuldig befunden. In der klaustrophobischen Enge dieses Lochs mühten sich die Captains, die Spuren des Insassen - Blut und Exkremente zu entfernen, um den Kerker für die kommende Insassin vorzubereiten.
Nichts hätte die erfahrenen Gefängniswärter auf das Kommende vorbereiten können: Als sie um Mitternacht in den Keller hinab stiegen erwartete Seymour sie bereits. Er wies sie an, in den Ecken des engen Raumes Position zu beziehen und die Ketten für die Fesselung der Hexe bereitzuhalten. Auf den klammen Boden der Zelle hatte er mit Salz einen Schutzkreis gezeichnet. Obwohl er den besorgten Captains versicherte, dass es sich um einen Schutzzauber zu ihren Gunsten handele und dass das Buch in seinen Händen eine Bibel sei, ließ das Ritual, das er vollzog, bei den gestandenen Männern einen bitteren Nachgeschmack. Aus dem Nichts erschien ein furchtsamer Schemen, den die Captains alsbald mit den vorbereiteten Ketten banden. Diese verschmolzen wie von Geisterhand nicht nur mit dem Boden sondern auch mit dem Fleisch der gebeugten, verzweifelten Frauengestalt. Seymour gelang es ihr etwas zu entreißen - ein Kartendeck - bevor er die entsetzten Männer zurückließ. Diese verschlossen die Kellertüre und postierten einen Wachposten davor, dem sie einbläuten nicht auf irgendwelche Geräusche zu reagieren, die er aus dem Kellerraum würde vernehmen können.
Nach einer unruhigen und kurzen Nacht erwachten die Captains in Stockfinsternis und Eiseskälte, als ein gewaltsames Erdbeben ihrem Schlaf ein jähes Ende bereitete. Die Wachen waren in Panik. War das Gefängnis durch das Beben kompromittiert? Außerhalb der Baracke setzte sich die bange Ahnung fort: Entsetzt blickten sie alle gen Himmel, wo eine schwarze Sonne über London aufstieg. Während Tailor, Dorsley und O'Connor versuchten, die Wachen zu organisieren und die Zellenblöcke zu sichern, stürzte Brown hinunter in den Keller. War die Hexe entkommen und hatte dieses furchterregende Schauspiel verursacht? Walsh, die aufgestellte Wache jedenfalls war tot, sein Schädel an der gegenüberliegenden Wand zerschlagen. Brown wagte sich in die undurchsichtige Dunkelheit des Lochs. Und tatsächlich: Die Gefangene war genau dort, wo sie zuvor zurückgelassen wurde, ihr Körper von den übernatürlichen Fesseln mit dem Boden verschmolzen. Sie verfluchte Brown, die anderen Handlanger und vor allem Seymour. Bevor Brown die Gefangene weiter aushorchen konnte, erschien Seymour, eine Aura der absoluten Dominanz ausstrahlend. Widerstand war zwecklos.
Der Gouverneur ließ die gesamte Wachmannschaft antreten und verkündigte die erneute Verschärfung seines ohnehin drakonischen Systems: Alle Möbel seien aus den Zellen zu entfernen und zu verbrennen, Heizungen und Lichter - außer in den Stuben der Wachen - zu entfernen und die Rationen der Insassen zu halbieren. Für viele würde das einem Todesurteil gleichkommen. Den Wachen hingegen stellte er eine Verdoppelung des Solds in Aussicht - wenn sie sich seinen Befehlen beugen würden. Nur 2 von 40 Wärtern widersetzten sich: Der junge Chapmann aus O'Connors Einheit. Und Captain Michael Brown. Es kostete sie immense Überwindung sich Seymours geradezu übermenschlicher Autorität zu widersetzen. Und tatsächlich entließ er die beiden ohne lange zu fackeln. Doch seine Großzügigkeit erwies sich als Falle: Denn außerhalb der Gefängnismauern fanden sich Brown und Chapmann in einer nebelverhangenen Ödnis wieder. Einem Leichenfeld aus Staub und Knochen. Von Kreaturen in dem Nebel beinahe zu Tode gehetzt schaffte es nur Brown zurück zum Gefängnis. Dort wurde er seines Ranges enthoben und von einem seiner Kameraden, William Tailor, auf Geheiß des Gouverneurs vor seinen eigenen Wärtern mit 50 Peitschenhieben bestraft.



Kapitel 2: 1863 – Der Magier – Demiurgos
Ich lernte Seymour, den Jungmagier, in der Schule kennen, als ich neun Jahre alt war. Im Kollegium seiner Hochwürden Sankt Albern der gesegneten Langeweile war er mein Partner, mein bester Freund, und hatte noch nicht viel von einem Magier. Ich glaube nicht, dass wir anders waren als die anderen verkorksten Söhne der ehrwürdigen Diener des Empire. Nicht sehr jedenfalls. Wir wurden schikaniert und wir schikanierten zurück. Wir spielten Soldaten und Entdecker und versuchten Latein und Französisch zu lernen, weil das von jungen Gentlemen so erwartet wurde. Wir verarschten und wir wurden verarscht. Weil das von jungen Gentlemen so erwartet wurde.
Meine Familie war in der Seefahrt tätig, seine im Bergbau. Wir hatten beide nützlichere ältere Brüder, die sich um das Familiengeschäft kümmern würden. Vielleicht erklärt das, warum wir beide begannen uns nach anderen Dingen im Leben umzuschauen.
Aus: Das Leben und Unleben des Rupert Faraday, von Anders Fager
« Letzte Änderung: 09. Oktober 2019, 15:59:32 von Mr.F.Johnson »
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  • 30. September 2019, 23:50:40
Re: [Kult: Divinity Lost] Taroticum (voll)
« Antwort #2 am: 30. September 2019, 23:50:40 »

Und schon morgen Dienstag, 01.10.2019, geht es um 19 Uhr weiter mit dem Prolog zu Taroticum!



Kapitel 3: 1868 – Der Einsiedler – Netzach
Ich war 14, als mein Vater in Abyssinien starb. Starb er im Kampf gegen den wahnsinnigen König Theodosius? Nein. Er starb an der Ruhr. Hat sich selbst zu Tode geschissen. Besser man munkelt etwas über den Wahnsinnigen König. Und über Ruhm und Ehre für das Empire. All diese traurigen, einsamen Tode und ich sah zu wie man sie in etwas Glorreiches und Zielgerichtetes verwandelte. Meine Mutter trug lange Zeit Schwarz. Tatsächlich kann ich mich nicht erinnern sie danach jemals in etwas anderem als Schwarz gesehen zu haben. Andererseits erinnere ich mich auch nicht daran erinnern, wann wir uns zum letzten Mal sahen.
Bisweilen sind die beiden Tarots äußerst widersprüchlich. In diesem Fall wirkt es sich sogar auf meine Grübeleien aus. Der Einsiedler steht dafür, mit seinen Gedanken allein zu sein, was damals ziemlich passend war. Aber laut Seymour sollte auf der Karte Netzach, der Krieger, abgebildet sein. Hätte ich mir darunter einen Inder oder einen chinesischen Boxer-Mönch vorstellen sollen? Ein Schwarzhemd oder einen Derwisch? All die toten Helden. An die wir uns aus absolut sinnlosen Gründen erinnern.
Aus: Das Leben und Unleben des Rupert Faraday, von Anders Fager




Nachdem Michael Brown brutal ausgepeitscht, seines Ranges enthoben und an seiner Stelle der junge Yeardley zum Captain ernannt wurde, ließ Seymour die übrigen Wachen wegtreten. Dorsley stieg zum Kellerloch hinab, vor dem er wirklich seinen Mann Walsh tot auffand - den Schädel an der gegenüberliegenden Wand zerschmettert. Schweren Herzens entschied Dorsley ein weiteres namenloses Grab ausheben zu gehen um seinen treuen und eine sinnlosen wie brutalen Tod gestorbenen Untergebenen zur Ruhe zu betten. Seltsam, dass er sich nicht mehr and Walshs Vornamen erinnern konnte. Er würde das prüfen müssen, ehe er Frau und Kinder informieren würde. Wobei. Dorsley konnte sich auch nicht erinnern, ob Walsh überhaupt Frau und Kinder hatte. Derweil brachten Tailor und O'Connor den geschundenen Brown ins Hospital. Entgegen seiner üblichen Sprechzeiten, war Dr. Peacock tatsächlich anwesend obgleich in Aufbruch begriffen - der Gouverneur hatte ihn am Abend zuvor einbestellt. Er schien verwirrt, kümmerte sich aber trotz des geäußerten Wunsches, das Gefängnis zu verlassen, um Browns Wunden. O'Connor und Tailor spekulierten dabei über die besorgniserregenden Vorkommnisse des Tages: War die Hexe der Grund für die "Sonnenfinsternis" und die geradezu unnatürliche Kälte, für die Kreaturen draußen im Nebel und Walshs Tod? Oder könnte sie der Schlüssel sein um diesen faulen Zauber zu brechen? Und wenn dem so wäre, würde das nicht bedeuten, dass das wahre Übel hier der Gouverneur sein musste?
Im Gefängnis regte sich bei einigen Gefangenen derweil Widerstand gegen die von Seymour angeordneten Maßnahmen, dem die Wärter mit harter Gewalt begegneten. Daraufhin baten die verbliebenen Captains Seymour um die Herausgabe von Revolvern - zumindest für sie selbst. Der Gouverneur, offenbar gänzlich unbesorgt ob der Vorstellung, einer der Revolver könnte in die Hände der Gefangenen geraten, gab dem statt. Außerdem unterstellte er Brown, zum gewöhnlichen Wärter degradiert, O'Connors Kommando. Die beiden erhielten von Seymour den Auftrag, die alten Isolationszellen mit neuem Material auszustatten, dass sie von Superintendent Clarke beziehen sollten.
Nachdem der nur leidlich wiederhergestellte Brown aus dem Hospital abgeholt und das Material von Superintendent Clarke empfangen und in den Keller geschleppt worden war, mussten Brown und O'Connor zu ihrer großen Bestürzung feststellen, dass es sich bei dem Material um Folterwerkzeuge handelte. Wem hatte der Gouverneur diese perfiden Werkzeuge zugedacht? Sollten sie dem Verhör der Hexe dienen? Oder der Bestrafung ungehorsamer Insassen - oder gar Wärter? Sie mussten etwas unternehmen! Nur was? O'Connor und Brown beschlossen, die Hexe selbst zu verhören, obwohl ihnen das von Seymour ausdrücklich untersagt worden war. Doch das Kellerloch war jetzt abgesperrt, den einzigen Schlüssel verwahrte Seymour in seinem Büro, wo er fast den ganzen Tag arbeitete.
Tailor und Dorsley - obgleich nicht gänzlich davon überzeugt, gegen Seymour vorzugehen - sorgten für die Ablenkung, indem sie versuchten die Inspektion, die Gouverneur Seymour zur Überprüfung der Umsetzung der von ihm angeordneten Zwangsmaßnahmen angekündigt hatte, in die Länge zu ziehen. Diese Gelegenheit nutzten O'Connor und Brown, um in Seymours Büro einzubrechen und die Schlüssel für das Kellerloch zu entwenden. Beim Kellerloch wurden sie von unnatürlicher Eiseskälte und undurchdringlicher Dunkelheit empfangen. Darin fanden sie die Hexe, wie sie sie tags zuvor zurück gelassen hatten: Die öligen, schwarzen Eisenketten waren mit ihrem Fleisch verschmolzen und pressten sie gegen den blanken Steinboden. Die "Hexe" reagierte argwöhnisch und voller Abscheu auf die Handlanger des "Magiers", der sie gerufen und gebunden hatte. Sie gab ihnen die Schuld an dem derzeitigen Zustand des Gefängnisses, das Seymour mithilfe der ihr entwendeten Tarotkarten in ein Grenzgebiet zwischen "Inferno" und "Elysium" versetzt hätte - eine Art Vorhof zur Hölle. Ohne Hoffnung sich selbst befreien zu können zeigte sie O'Connor und Brown einen Ausweg auf: Sie müssten Seymours Kontrolle über die Meisterkarte, "Demiurgos", brechen, indem sie seine Autorität herausfordern und die Karte mit deren Blut an eine andere, völlig machtlose Person binden würden. Nur so würde Seymour die Kontrolle über die anderen Karten des Taroticum verlieren, an die er die Gefangenen wie auch die Wärter gebunden hatte. Zuletzt warnte sie Brown und O'Connor, dass Seymour sie bereits suchte.
So vorgewarnt, versuchten O'Connor und Brown sich zu bewaffnen und in die Bibliothek des Gouverneurs einzudringen. Tailor und Dorsley hingegen wagten es nicht, sich gegen Seymour zu stellen. In Seymours Büro kam es zum Showdown: Der Gouverneur befahl Dorsley und Tailor die anderen beiden Captains festzunehmen, die ihr Widerstand gegen Seymours Willen fast um den Verstand brachte. Brown hielt dem nicht stand und richtete seinen Revolver gegen sich selbst. Und drückte ab. O'Connor hingegen verfiel dem Wahnsinn, als er Seymours wahres, schreckliches Antlitz erblickte: "Ich bin nicht der Teufel. Aber ich weiß mich der Mächte der Hölle zu bedienen um zu erreichen, was erreicht werden muss!" Der 23. Dezember 1892 endete mit O'Connor, der im Krankenflügel inhaftiert wurde und dessen gebrochener Verstand eine gravierende  Veränderung durchmachte, mit Brown, dessen Leichnam in einem namenlosen Grab verscharrt wurde und mit Tailor und Dorsley, die jetzt unter besonderer Beobachtung durch den Gouverneur standen.
Der 24. Dezember, Heiligabend, beginnt statt mit einer festlichen Stimmung mit Zweifeln, Zwietracht und einer Anspannung, die Sandburn jeden Moment zu zerreißen droht. Harlan O'Connor erwacht auf der Krankenstation, wo er an ein Bett gefesselt wurde, er sieht jetzt viel klarer. Michael Brown erwacht im Krankenflügel aus tiefen Traum zu neuem Leben. Und William Tailor und Rick Dorsley werden beim morgendlichen Appell der Wärter Zeugen, wie Superintendent Clarke mit dem Mut der Verzweiflung versucht, den Gouverneur festzunehmen bzw. selbst zu richten. Doch er kann es einfach nicht. Er wird zum Exekutionsplatz geschleppt, wo er schlimmer noch als Brown tags zuvor ausgepeitscht wird. Auch der Kaplan scheint seinen Glauben verloren zu haben, was Dorsley zutiefst erschüttert. Wieder versuchen Brown und O'Connor sich den Demiurgos anzueignen. Doch die Karte lässt sich nicht mit irdischen Mitteln zerstören. Und mit ihrem Blut können sie die Karte nicht neu binden - sie sind nicht machtlos genug, wie die Hexe gesagt hatte. Wieder wird Seymour durch den Diebstahl auf die beiden aufmerksam. Von der Waffenkammer aus legen sie einen Hinterhalt. Doch sie können Seymour nicht verwunden, nicht solange er die Kontrolle über Demiurgos inne hat. Dorsley erschießt O'Connor und Brown, die ihre Munition verpulvert haben. Tailor schießt nicht. Er starrt Michael Brown an. Sieht ihn sterben. Zum zweiten Mal. Dorsley legt auch auf Tailor an. Doch er hat seine Munition verpulvert. Tailor erschießt Dorsley. Dann legt er auf Seymour an. Vergebens. Seymour lässt Tailor seine wahre Gestalt, den unförmigen, monströsen Leib eines Lictors, erblicken. Er packt Tailor und erwürgt ihn. Seine süffisanten Abschiedsworte: "Fast. Guter Versuch".
Am Morgen des 25. Dezembers erwacht Richard Dorsley mit einem Druck auf der Brust in seinem Bett in den Baracken. Die anderen ehemaligen Captains der Wache erwachen zusammen, die Kleidung in Fetzen gerissen, unter immensen Schmerzen, in einem entsetzlich kalten, nach Pisse und Angst stinkenden Raum, den sie erst nicht wiedererkennen. Es ist eine Zelle. Und sie sind darin gefangen.



Kapitel 4: 1871 – Die Hohepriesterin – Astaroth
Es geht immer um eine Frau. Irgendwie. Oder wenigstens ein Ying für das Yang. Kein Succubus und keine Hure, sondern eine Hohepriesterin. Eine Lehrerin. Sie kam diesen Herbst zu mir, in meinem dritten Semester in Oxford. Die Tochter eines meiner Professoren. Sie hatte mit ihrem Vater den gesamten Mittleren Osten und Indien bereist. Eine wahre Tochter des Empire. Sehr einfallsreich. Sehr undamenhaft. Und gerade deshalb eine perfekte Göttin.
Sie war alles, wonach ich gesucht hatte. Alles, wovon ich nach der Lektüre so vieler alberner Romanzen geträumt hatte. Und mehr. Elsa Wolfe. Die Tochter des Wolfs. Das Aas. Wir gingen zusammen nach London. Schmutziges, sündiges, zauberhaftes London. Wir erzählten den Leuten, wir würden bei diesem oder jenem Onkel residieren. Aber in Wirklichkeit. London. Düsteres London. Unser erstes gemeinsames Wochenende heilte Teile von mir auf eine Weise, die mich zu einem frommen Gläubiger des Fickens bekehrte.
Aus: Das Leben und Unleben des Rupert Faraday, von Anders Fager
« Letzte Änderung: 11. Oktober 2019, 18:21:32 von Mr.F.Johnson »
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  • 11. Oktober 2019, 18:27:45
Re: [Kult: Divinity Lost] Taroticum (voll)
« Antwort #3 am: 11. Oktober 2019, 18:27:45 »

Am kommenden Montag, 14.10., gehen wir ab 19.30 Uhr (sans Melora, die im Urlaub ist) noch ein letztes Mal den Prolog an: Wird Dorsley seine Seele an Seymour verlieren oder fasst er neuen Mut und wagt den Aufstand? Wird es O'Connor, Tailor und Brown gelingen Seymours Kontrolle über das Tarot zu entreißen? Und was, wenn sie versagen? Nachtrag: Am Ende ist es wegen krankheitsbedingten Ausfalls mehr eine Erzählung als ein Spiel geworden. Nichtsdestotrotz ist dies das Finale des Prologs.



Kapitel 5: 1875 – Die Kraft – Yesod
Der „Pool of London“. So viele Schiffe. All der Dreck und die Menschheit und die Ratten, die über alles hinwegklettern. Ich und Elsa konnten stundenlang durch die Docks spazieren und einfach nur das Spektakel verinnerlichen. Alles, was Empire ist. Gier und Lust und Kraft. Lust und Gier und die Kraft, die sie spenden. All die kolonialen Reichtümer. Und ich war genau da, wo ich sein wollte. London. Kräftig und reich und so voll von der Lust, die ich gerade erst kennengelernt hatte. All die Macht. All die Leiber. All die Schiffe und Straßen und Geister, die hier und da aus der anderen Stadt herüber scheinen. Ich sehe römische Galeeren auf dem Fluss. Langschiffe. Einen Tempel Apollons, wo heute St. Paul's Cathedral steht. Das ganze Mysterium ist hier so offensichtlich.
Wir wagten uns sogar ins Chinesen-Viertel vor und kosteten von ihrem Opium. Wir ritten den Drachen, während ein kleines englisches Mädchen aus den Slums dastand und uns beobachtete. Die Chinesen schimpften sie „die Ratte“. Sie sagten sie könne nicht träumen und darum genieße sie es anderen beim Träumen zuzuschauen.
Aus: Das Leben und Unleben des Rupert Faraday, von Anders Fager




Die Dinge veränderten sich noch einmal zum Schlechteren, nachdem die ehemaligen Captains Tailor, O'Connor und Brown wegen ihres Aufstandes gegen Gouverneur Seymour selbst in den Isolationszellen im Keller Sandburns eingekerkert worden waren. Richard Dorsley war sich nicht einmal mehr sicher, wie viele Tage seitdem vergangen waren. Wie sollte man auch Tag und Nacht voneinander unterscheiden, wenn diese verdammte Schwarze Sonne niemals unterging und stattdessen unablässig pechschwarze Dunkelheit in den gewittergrauen Himmel blutete?! Den Takt des Alltags im Gefängnis gab jetzt der Gouverneur selbst vor: Nach seinen regelmäßigen Kontrollgängen und Appellen richtete sich die neue Routine der jetzt mit jeweils fünf Mann (abzüglich der Verluste) besetzten beiden Wachschichten. Die anderen Wärter schienen die tintenfarbene Wunde am Himmel und das Ausbleiben von Tag-und-Nacht-Wechsel jedenfalls nicht mehr länger zu kümmern. Waren sie anfangs noch irritiert und verunsichert und hatten Rick Löcher in den Bauch gefragt, wirkten sie jetzt teilnahmslos und schicksalsvergessen. Rick selbst war ratlos. Bei den Gefangenen war es das genaue Gegenteil: Sicher, viele von ihnen waren innerhalb kürzester Zeit von Hunger und Kälte ausgezehrt und schon am Morgen nach jenem vermaledeiten Weihnachtstag hatte die Tagschicht beim Morgenappell die ersten Kadaver aus den Zellen gezogen. Die abgehärteten Vollblutkriminellen und gestählten Jungs aus der Arbeiterschicht hingegen machten sich prächtig unter den neuen Bedingungen: Sie wurden aggressiver, schikanierten ihre geschwächten Mithäftlinge und pressten ihnen die wenigen Lebensmittel ab. Einige erhoben das Wort und in manchen Fällen sogar die Fäuste gegen die Wärter, was in der Regel unverzüglich mit einer zünftigen Tracht Prügel ohne Rücksicht auf gebrochene Knochen und lebensgefährliche Verletzungen geahndet wurde. Nachdem Seymour irgendwann jedem Flügel einige Gewehre aus der Waffenkammer ausgehändigt hatte, wurde aus den Prügeln rasch die standrechtliche Todesstrafe. Wozu sich zurückhalten? Wer des Tags unter der Knute der Wärter oder an Hunger, Kälte und sich ausbreitenden Krankheiten krepierte, fand sich am nächsten Morgen doch ohnehin, wie von Geisterhand, in demselben Elend wieder. In Sandburn ging es mit dem Teufel zu! Und tatsächlich entgegnete Seymour dem heillos überforderten Dorsley auf die Frage nach den wiedergehenden Toten herablassend: "Der Tod existiert nicht in Inferno. Machen Sie einfach ihren Dienst, Dorsley. Und zerbrechen Sie sich nicht den Kopf über Dinge, die ihren beschränkten Verstand überschreiten."
Abgesehen davon, dass sich jede Faser seines Wesens gegen selbst den leisesten Gedanken an Widerstand sträubte, hatte sich Ricks ohnmächtige Pflichtschuldigkeit auch noch ausgezahlt: Am Morgen, nach dem die anderen in den Isolationszellen inhaftiert worden waren, hatte Seymour ihn zum "Commander of the Guard" ernannt, dem nun die Wachmannschaften aller Blöcke unterstellt waren. Darüber hinaus gab er Rick alle Pflichten und Vollmachten, die zuvor Superintendent Clarke innehatte, und beschenkte ihn mit einem üppigen Vorrat an Brandy und Zigarren. Weihnachtsbonus. Es dämmerte "Commander" Dorsley erst einige Wachwechsel später, dass sein Posten mit keinerlei tatsächlicher Macht ausgestattet war, weil die Wärter längst nur noch blindlings den Willen Seymours ausführten. Was hatten Brown und O'Connor versucht ihm zu erklären: Dass Seymour die Wärter (und die Gefangenen, wenn wir schon dabei sind) mithilfe der seltsamen Karten kontrollierte, die er der "Hexe" abgenommen hatte? Die Scham und das schlechte Gewissen hielten Dorsley davon ab, in den Keller zu steigen und bei seinen verfemten ehemaligen Kameraden nachzuhaken.
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Das änderte sich erst an jenem Tag (oder war es Nacht?), als der neue "Doktor" in Sandburn ankam. Seymour hatte Dorsley nach dem Wachappell aufgetragen, zwei Besucher am Eingang abzuwarten, die er "irgendwann im Laufe des Tages, aber sehr, sehr bald" erwartete. Sogleich zog der Gouverneur mit zwei Wärtern im Gefolge in Richtung des Exekutionsplatzes für seine zum täglichen Ritual gewordene Auspeitschung von Matthew Clarke. Dorsley wartete eine gefühlte Ewigkeit beim Tor, starrte hinaus in das undefinierbare Nebelgrau, welches das Gefängnis seit jenem Tag wie ein fahles Leichentuch umschloss, und nahm immer wieder tiefe Züge aus der Flasche Brandy, die er neuerdings immer in der Manteltasche mit sich führte. Gerade als er sich genug Mut angesoffen hatte, um seinen Posten entnervt zu verlassen, kündigte das Wiehern von Rössern und das hölzerne Klackern einer Kutsche die Ankunft des erwarteten Besuchs an. Dorsley öffnete das Tor, ließ die Kutsche ein und nahm zwei Herren in Empfang: Einen breit gebauten Gentleman fortgeschrittenen Alters und würdevollen Auftritts und dessen Kutscher. "Sir William Whitey Gull, hocherfreut, hier um dem Gouverneur zu Diensten zu stehen", stellte sich der Gentleman vor, "Und das ist Netley, mein Assistent". Ein Blick des "Doktors" genügte, dass sich Dorsleys Eingeweide zu einem kompakten Knoten zusammenzogen. Er fühlte sich geradezu seziert von diesem eindringlichen, doch teilnahmslosen Blick. Wie ein Insekt unterm Brennglas. Wenn er ging, hörte sich Dr. Gulls Auftreten an, als würde er mit jedem Schritt in eine Pfütze treten. Eine Pfütze Blut.
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Tailor, Brown und O'Connor drängten sich in der zugigen, feucht-kalten Zelle aneinander, um sich wenigstens einigermaßen gegen den bis ins Mark dringenden Frost zu schützen. Ihr Hunger war unerträglich, sie hatten jedes Gefühl dafür verloren, wie weit ihre letzte Mahlzeit zurückliegen musste. Und das Gefühl der Isolation, des unumwundenen Ausgeliefert-Sein presste wie Blei auf ihre Seelen. Sie waren ihrem Ziel so nah gekommen. In ihrem Gefängnis waren sie so nah bei der eingekerkerten Göttin, die ihnen einen Ausweg gewiesen hatte. Tailor war lange skeptisch. Warum sollte er der Hexe den Vorzug vor dem Gouverneur geben? Schließlich musste er einsehen, dass es keinen Weg zurück mehr gab. Er hatte seine Wahl getroffen. Genau wie Brown und O'Connor. Aber wie weiter? Sie mussten irgendwie aus der Zelle heraus. Nur wie? Die Wärter würden ihnen nicht helfen. Verachtung und Abscheu sprachen aus jeder ruppigen Geste, aus jedem gebellten Kommando ihrer ehemaligen Kollegen. Irgendetwas ging mit den anderen Gefangenen vor sich: Wann immer die Wärter sich in ihre beheizte Stube zurückzogen (was sie oft taten) tuschelten sie miteinander, reichten von Zelle zu Zelle kleine Notizzettel weiter oder verständigten sich mit Morsecode, indem sie gegen die Gitterstäbe klopften. Nur in der Zelle gegenüber regte sich kein Anzeichen von Widerstand und Kampfgeist. Superintendent Matthew Clarke war ein gebrochener Mann. Für seinen Aufstand hatte er den höchsten Preis bezahlt. Jeden Morgen holten ihn die Wärter aus seiner Zelle und wenn er Stunden später wieder zurückgeschleift wurde, war sei Hemd zerrissen und blutgetränkt, die Haut aschfahl. Zumeist rührte er sich danach überhaupt nicht mehr. Wie viele Tode er wohl gestorben war? Hier unten in den Zellen dehnte sich die Zeit träge wie Molasse in Richtung Ewigkeit und nicht wenige der anderen Häftlinge schienen darüber den Verstand verloren zu haben. Einer von ihnen zählte sogar laut die Sekunden, Minuten und Stunden. Bis einem seiner Zellengenossen irgendwann der Geduldsfaden riss. Ein dumpfer Schlag oder ein qualvolles Gurgeln, dann war Ruhe. Für eine Zeit. Bis der Leichnam sich erneut zu unheiligem Leben erhob und die unselige Zählerei von vorn begann. Dorsley hatte sich nicht blicken lassen und O'Connor, Brown und Tailor waren sich nicht sicher, ob es nicht besser so war. Die Katatonie endete erst an jenem Tag, als sie kamen: Ein feister, ältlicher Gentleman und sein tumber Gefährte, die beide den metallischen, kränklich-süßen Gestank von Blut und Leichen mit sich. Sie kamen mit Gouverneur Seymour und zum ersten Mal seit einem gefühlten Äon blieb jemand vor der Zelle der ehemaligen Captains stehen und richtete das Wort an sie: "Ah, das sind sie also. Die Verräter, die es wagten, sich euch zu widersetzen, Gouverneur Seymour. Ich werde mich Ihrer annehmen, Sir. Und der König wird erfreut sein. After all, the Juwes are the men who will not be blamed for nothing." Ohne große Umschweife wurde die Tür zur Zelle aufgesperrt und fünf Wärter drangen in die Zelle, schlugen mit ihren Knüppeln auf die drei ehemaligen Captains ein und zerrten schließlich Michael Brown den Gang hinunter in Richtung der Folterkammer, die er selbst einzurichten geholfen hatte…
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Browns Schreie drangen aus dem Keller in das Gefängnis. Was auch immer dieser Doktor Gull  und sein Gehilfe Netley in der Folterkammer mit ihm anstellten, es musste unermesslich furchtbar sein, dass sein Schreien, Stöhnen und Wimmern sich durch die schweren Wände und Decken fräste und Richard Dorsley noch bis hinaus ins Freie und sogar in seine Schlafstätte verfolgte. Wer auch immer diese beiden Folterknechte waren, sie konnten einfach nicht menschlich sein. Zu grausam. Zu ausdauernd. Er musste etwas tun! Er musste das einfach beenden. Wenn nicht für Brown, dann wenigstens damit endlich wieder Ruhe wäre. Nur hatte er keine Ahnung, wie er das bewerkstelligen würde. Doch er hatte eine Ahnung wer ihm würde weiterhelfen können.
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Browns Tortur zog sich über Stunden hin, vielleicht auch Tage. Wer konnte das schon so genau wissen? Seine Schreie waren so markerschütternd tief und jämmerlich, als schnitten Dr. Gulls Skalpelle nicht nur in seinen Leib sondern auch in seine Seele, kehrten sein innerstes Wesen nach außen. Sie raubten Tailor und O'Connor auch noch die letzten kümmerlichen Reste, die von ihrem Verstand übrig geblieben waren. Als Dorsley auf seinem Weg zu der Göttin im Kellerloch an den Isolationszellen vorbeiging, warf er nur einzigen verstohlenen Blick in die Zelle seiner ehemaligen Kameraden. Als er einige Zeit später von dort zurückkehrte, war es, als erschiene den beiden ein Geist, so bleich war er. Von früheren Captains hatte er am längsten in Sandburn gedient. Doch nichts hätte ihn auf die Ereignisse dieser Weihnachtszeit vorbereiten können. Als er die Zelle aufschloss und O'Connor und Tailor die Schlüssel zu ihren Fesseln, zu den anderen Zellen und zur Waffenkammer hinwarf, hauchte er tonlos nur dies: "Ich muss es mit eigenen Augen sehen. Einmal. Nur das verlange ich von euch." Dann machte er auf dem Absatz kehrt.
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Von den Isolationszellen war es nur ein kurzer Weg über die Treppe hinauf zur Waffenkammer, den Büros der Captains und Seymours. Nachdem sie sich ihrer Fesseln entledigt und die anderen Zellen aufgeschlossen hatten, war es ein Leichtes für O'Connor, Tailor und die anderen Inhaftierten die wenigen verbliebenen Wärter zu überwältigen, aus dem Keller hinaufzuschleichen und sich zu bewaffnen. Dorsley hatte den Moment abgewartet, wo Seymour auf seinem Rundgang durch die Flügel ausgeflogen war, bevor er zu der Göttin hinabgestiegen war. Er wusste nun, was er wissen musste. Auch wenn es keinen Sinn ergab. Als der Aufstand losbrach und die ersten Schüsse fielen, kniete er in Seymours Privatbibliothek vor dem Tischchen, auf dem die Tarotkarten ausgelegt waren. Selbst für einen Skeptiker wie ihn, bestand kein Zweifel daran, dass das komplexe Muster, zu dem die mystischen Karten ausgelegt waren, Sandburn entsprach. Und dass die blutbespritzte Karte in der Mitte "Demiurgos" sein musste. "Wir müssen die Karte an jemanden binden, der keinerlei Macht besitzt. Nur so können wir Seymour besiegen". Tailor und O'Connor waren ebenfalls in die Bibliothek gekommen. "Mein neuer Titel ist jedenfalls nur ein Mummenschanz, vielleicht genügt das?" Dorsleys lakonischer Tonfall verbarg nur dürftig seine Nervosität. Würden die beiden jetzt Rache nehmen? Verdient hätten sie es ja. "Nein. Wir haben uns gegen Seymour zur Wehr gesetzt. Du auch, Dorsley. Wir dürfen den gleichen Fehler nicht noch einmal begehen. Das könnte unsere letzte Chance sein. Es ist Clarke. Es muss Clarke sein. Wo ist er, Rick?" - "Im Hof."
---
Sandburns Innenhof war übersäht mit Leichen. Zum Nordflügel hin, am Galgen, hatten sich die letzten Wärter mit Seymour verschanzt. Doch sie hatten nur eine Handvoll Gewehre und Revolver. Vom Alten Gefängnis strömten jedoch immer mehr Gefangene auf den Hof. Sie hatten die zahlenmäßige Überlegenheit, das Überraschungsmoment und sie hatten den Großteil der Gewehre aus der Waffenkammer. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der letzte Wärter fallen würde. Und doch war der Hof vor Allem übersäht mit den Leichen der Insassen. Denn Seymour fuhr auf sie herab wie des Schnitters Sense. Kein Schuss traf ihn, kein Hieb konnte ihm etwas anhaben, solange Demiurgos an ihn gebunden war. Er kämpfte wie ein Berserker, von Kopf bis Fuß im Blut seiner Feinde gebadet, zerschlug Schädel mit bloßer Faust, riss Körper entzwei und entfesselte magische Höllenfeuer, mit denen er Leiber und Seelen gleichermaßen versengte. Neben ihm entblößte der fette Dr. Gull sein wahres Antlitz, eine groteske Gestalt: halb verstümmeltes Folteropfer, halb dampfbetriebener Maschinenmann. Seine skalpellförmigen Finger schnitten durch Fleisch wie durch Butter. Im Folterkeller hatte sich Brown irgendwie losreißen und Gulls Gehilfen Netley niederringen und erdrosseln können. Jetzt stürmte er - ob der eigenen Wunden den erneuten Tod wie einen langersehnten Freund willkommen heißend -  über den Hof auf den tobenden Seymour zu. Nur einen Moment seine Konzentration stören. Das würde reichen damit einer der anderen Clarke würde erreichen können. Als Clarkes Blut endlich die Karte benetzte, war es wie ein Tropfen in einem Ozean. Bestimmt zweihundert Mann lagen Tod oder sterbend im Hof, der sich in ein blutrotes Feld aus Schlamm und Gedärmen verwandelt. Ein kakophoner Chor aus Stoßgebeten, Schmerzensschreien und Todesröcheln erschall. Es brauchte weitere fünf Dutzend Mann, um Seymour endlich zu überwältigen. Wie die Wölfe fielen sie über ihn her, rangen den Mann zu Boden, der ihnen so viel Leid zugefügt hatte, und rissen ihn bei lebendigem Leib in Stücke. Am Galgen klammerten sich O'Connor, Brown, Tailor und Dorsley an den letzten Funken Leben, der ihnen verblieben war, während um sie herum die Mauern des Gefängnisses wie Wachs zerschmolzen. Die Schwarze Sonne war zornig angeschwollen und spie pechschwarze Feuerzungen auf die Meute herab. Einer nach dem anderen wurde von ihnen erfasst und eingeäschert. Die Vier spürten, dass es diesmal keine Wiederkehr geben würde. Dies war ihr letztes Hurra - auf Nimmerwiedersehen!
Vier Schemen schälten sich aus den Schatten, glitten auf die vier ehemaligen Captains der Wache von Sandburn zu. Vier blutverschmierte Weiber mit verzerrten Fratzen. Die Huren der Apokalypse. Und eine jede zerrte einen der Männer hinab in die Hölle.
---
In einem schmucklosen Zimmer irgendwo in London, im Jahr 1992, erwacht eine junge Frau mit gebrochenem Verstand aus einem weiteren wirren Traum. Doch diesmal ergibt der nächtliche Sturm aus Bildern und Gefühlseindrücken einen Sinn. Sie weiß jetzt, wer ihr wird helfen können...


Kapitel 6: 1881 – Der Turm – Gamichicoth
„Gamichicoth ist der Engel der falschen Hoffnung“, sagte Seymour. „Die sechzehnte Karte. In jenem profaneren Tarot wird sie 'Der Turm' genannt.“
„Der falsche Freund und Helfer“, sagte Elsa.
„Aber der Turm bezeichnet Tragödie oder Unglück“, sagte ich. „Veränderung. Wenigstens Veränderung.“
All diese Widersprüche und neuen Wahrheiten. All diese Dinge, die Du und Deine Freunde so interessant finden, Anthony. Der Golden Dawn, der die Welt zunächst in einen sehr viel spirituelleren und interessanteren Ort verwandelte. Bis dir klar wird, dass es ein Ying zu jedem Yang gibt. Und das jenseits dieses interessanten „komm auf eine Tasse Tee vorbei“ Märchenlandes Inferno liegt. Und Verrat.
Aus: Das Leben und Unleben des Rupert Faraday, von Anders Fager
« Letzte Änderung: 28. Oktober 2019, 23:37:49 von Mr.F.Johnson »
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Vorstellung

Aktuelles Projekt: Kult Divinity Lost - Taroticum

Lieblingssysteme: Kult: Divinity Lost | Degenesis Rebirth | WarhammerFRP

Möchte testen: Warhammer 4. Ed.

Mr.F.Johnson

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  • 21. Oktober 2019, 09:37:44
Re: [Kult: Divinity Lost] Taroticum (voll)
« Antwort #4 am: 21. Oktober 2019, 09:37:44 »

Vergangenen Dienstag, 22.10., sind wir in die erste Sitzung der Hauptkampagne von "Taroticum" eingestiegen. Wir haben die Spielercharaktere kennengelernt und wurden Zeuge eines schicksalsträchtigen Hilferufs. Im Folgenden fassen die Mitspielenden die Ereignisse aus der Perspektive ihrer jeweiligen Spielercharaktere zusammen.



Tammy Lawrence

Stay away from me
Just stay away from me
Stay away from me
Stay away of I'll sort you out
Shout shout shout Delilah
Shout shout shout till the kingdom comes
Treading on my dreams
Stop treading on my dreams
Stop treading on my dreams
- aus: Delilah, von: The Cranberries


Tammys Traum-Tagebuch
Als Tammy die Augen öffnete, blickte sie ein tiefschwarzes Loch, welches sich zu ihren Füßen erstreckte. Sie konnte sich nicht erinnern wie sie herkam – war es vielleicht einfach nur ein Traum? Unsicher blickte sie umher, versuchte zu erkennen wo sie war. Ihre Hände berührten kalten Stein, ihre Beine baumelten in der Luft, streckten sich dem Loch entgegen. Sie saß auf einer Mauer. Ein seltsam gedämpftes Licht umgab sie und hüllte die Szenerie in einen grauen Schleier.

Als sie sich umdrehte, blickte sie in eine schwarze Sonne. Sie schloss die Augen und versuchte ihrer inneren Stimme, ihrem Gefühl zu lauschen.
Das Loch zu ihren Füßen versprach Auflösung, Nicht-Sein. Hier endet jedes Leben. Eigentlich beängstigend… Doch diese unabdingbare, vollständige und unausweichliche Auflösung allen Seins verspricht vor allem eins: Keinen Schmerz! Würde sich Tammy diesem Gefühl hingeben, sich dem Loch nähern, wäre es endlich Still. Keine Erinnerungen mehr an das was damals war, an all das Leid, die Tränen, den Selbsthass. Es wäre einfach alles vorbei…

Ein weiterer Blick auf die schwarze Sonne offenbarte Tammy, dass hier unvorstellbare Grausamkeit, Pein und Qualen warteten. All das wäre der Preis für das Sein, für ein Weiter-Existieren.

Tammy wusste, dass sie sich entscheiden musste. Langsam stand sie auf und setze einen Fuß vor den anderen. Balancierte zwischen Auflösung und Sein, Ruhe und Schmerz, Ende und Weiter-Existieren. Diese Gefühle und Gedanken waren nicht neu für sie. Ihr ganzes Leben hatte sie sich zwischen diesen Grenzen bewegt und gehofft, dass es endlich ein Ende finden würde. Dass die Stimmen nicht mehr da wären, die Erinnerungen sie nicht mehr verfolgen würden, niemand mehr Erwartungen an sie stellen würde und sie endlich jemanden hätte, der die Leere in ihr füllen würde…

Tammy wusste, dass sie es nicht aushalten würde noch mehr Schmerz zu ertragen. Sie drehte sich der Sonne zu und ließ sich mit ausgestreckten Armen nach hinten fallen. Ein letzter Blick offenbarte ihr, dass am Horizont keine Sonne schien, sondern dort ein gewaltiges Zahnrad unaufhaltsam seine Runden drehte. Eine Maschinerie die Leiber und Seelen zerstörte. Angst keimte in ihr auf: Was würde sie in der Tiefe dieses Lochs erwarten? War es vielleicht doch nicht das Ende? Sie schloss die Augen.

Unsanft landete Tammy mit dem Rücken auf dem Boden. Was zur Hölle? Bei der Höhe hätte sie tot sein müssen! Doch nur ein Traum? Aber wo war sie dann?
Blinzelnd versuchte sie die Augen zu öffnen, hielt sich schützend den Arm vors Gesicht. Sie sah etwas rotes, eine rote Stange aus Metall. Weitere Stangen drangen in ihr Sichtfeld. Ein Klettergerüst!
Mit der freien Hand tastete sie den Untergrund ab. Sand. Weicher, kalter Sand. Langsam drückte sie sich nach oben, stöhnte kurz auf, als sie ein stechender Schmerz durchbohrte. Sie schaute an sich runter. Nichts. Schien alles okay zu sein.

Ein Gefühl von Schmerz und tiefer Traurigkeit überkam sie. Sie war noch immer gefangen in dieser Welt. Einer Welt voller Schmerz, Leid, Selbsthass und dem Wunsch nach Anerkennung und Geliebt werden.
Sie erinnerte sich nicht mehr wie sie hierhergekommen war, auf den Spielplatz auf dem sie sich immer mit Claire und den Anderen traf. Sie war allein. Neben ihr lag aufgeschlagen das randvolle Notizbuch. Sie hatte scheinbar eine neue Zeichnung angefangen. Auch daran konnte sie sich nicht erinnern. Sie zeigte ein Loch. Ein gähnend schwarzes, tiefes Loch.

Selten hatte sie sich so einsam, verlassen und wertlos gefühlt wie in diesem Moment. Was sollte sie nun tun? Wo würde sie Halt finden? Ihre Augen fielen auf die Kirche gegenüber. Vielleicht ist dieser Schwarzrock da? Er hatte ihr schon einige Male aus der Patsche geholfen, hatte sich Zeit genommen und das Gespräch gesucht, ihr etwas zu Essen besorgt und sie einfach ‚ausgehalten‘. Dieser Ort versprach Ruhe, Beständigkeit und Sicherheit.

Hastig versuchte sich Tammy wieder aufzurichten, sammelte ihr Notizbuch und die herausgefallenen Seiten wieder ein und ging schnellen Schrittes zur Kirche.
[close]



Pater Sebastian MacDothery

Kapitel 8: 1888 – Die Liebenden – Chesed
Das Neueste aus fremden Landen. In Afrika ist das Land Nywere verschwunden. Einfach so. In London ist Cheseds alte Freundin Nekemi noch am Leben und versteckt sich in einem Dachboden in Brixton, den Ich und Seymour angemietet haben. Ich fühle mich ein wenig wie das Bildnis auf der Karte. Ein weißer Mann, der einem schwarzen Mann Wasser reicht. Oder einem schwarzen Mädchen, wie in diesem Fall. Ich biete eine Kleinigkeit für das Wissen eines ganzen Kontinents.
Die Liebenden sprechen von neuen Beziehungen. Zeit, die Liebe in den Mittelpunkt eures Lebens zu stellen. Ich und Elsa hatten einen Flirt mit Donovan dem Dandy. Und inmitten dieser Ausschweifung dachte ich an meine Eltern. Wie kamen sie überhaupt zu dem Fick, der mich hervorbrachte? Besonders wenn man bedenkt, dass mein großer Bruder zu dem Zeitpunkt absolut lebendig und gesund war. War es Pflichterfüllung? Nur eine weitere Hausarbeit? Ich wüsste es wirklich zu gern.
Aus: Das Leben und Unleben des Rupert Faraday, von Anders Fager


Private Korrespondenz von Pater Sebastian MacDothery
Sehr geehrter Vater Wladzinski, lieber Karol,

ich schreibe Dir mit groszer Bestyrzung und zugleich Hoffnung und Mut im Herzen. Ich habe mich in Deiner Gemeinde eingelebt und habe sogleich das erfahren, was du schon zu mir sagtest.
Die Menschen sind nett aber verschlossen. Nur Wenige besuchen unsere schoene Kirche und obwohl der der Groesze des Einzugsgebiets bleibt der Beichtstuhl leer.
Doch es ist nicht so, dass ein jeder Steine werfen duerfe ob ihrer Reinheit. Sie meiden mich, nein, sie meiden viel mehr die Kirche.
Es ist als stuende ich vor einer Mauer aus Schweigen und Zorn.
Ich habe heute beim Aufschlieszen der Corpus Christi eine widerliche Schmierei gefunden.
Ich will dich nicht beunruhigen, doch ich muss mit Wahrheit sprechen, will ich mehr darueber ausfindig machen.
Jemand schrieb mit Blut – ich kenne mich nicht allzu gut damit aus, doch hoffe hier auf Schafsblut, den Schwein, Rind oder gar Mensch waere allzu ketzerisch –die folgenden Zeilen an unsere Front:
"Schweine bleib..."
Ich vermute, dass die Nachricht noch nicht fertig ward und ich den oder die Täter bei der Ausführung überraschte.

Ein neues Mitglied der Gemeinde hatte leider auch nichts gesehen.
Die Hure von Babylon – Tammy Lawrence – ein gestoertes Kind pilgerte zwar sogleich in die Hallen, doch hatte selbst nichts gesehen.
Als ich den Hausmeister suchte, fand ich einen Eimer mit der schaendlichen Flyssigkeit darin und Fuszspuren,
die allzu offensichtlich gen Keller fuehrten. Dort traf ich auf ein kleines Maedchen. In der Finsternis hatte sie kein Lycht dabei,
wohl aber wurde ihre Stirn gerahmt von gyldener Zier. Ein Engel lieber Karol... ich erblickte einen Engel mit Heiligenschein.
Etwas passierte, ich weisz nicht was, doch ich ward wohl niedergeschlagen von dem Ketzer und Haeretiker. Mir geschah nichts,
keine Sorge, Karol. Ich bin wohl auf, doch mein Herz ist voller Freud und Furcht zugleich.
Was haeltst du vor mir Geheim? Ich weisz doch, wie du im Schlafe sprichst und dann nicht antwortest.
Ich bin bereit fuer die Wahrheit und muss es wissen

in Liebe
im September Anno Domini 1992
Sebastian
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Todd Galwny

I'm forever blowing bubbles,
Pretty bubbles in the air,
They fly so high, nearly reach the sky,
Then like my dreams they fade and die.
Fortune's always hiding,
I've looked everywhere,
I'm forever blowing bubbles,
Pretty bubbles in the air.
- aus: I'm forever blowing bubbles, von: Cockney Rejects


Todds Prolog
Todd lebt seit einigen Wochen in Brixton. Er konnte an der angeschlossenen Schule, der Kirche Corpus Christi einen Job als Aushilfshausmeister ergattern.
Dieser Job füllt ihn zwar nicht, aus aber gibt ihm Struktur. Dieser Rahmen hält ihn in der Welt und tut ihm gut.  Auch wenn er keine Befriedigung erfährt, ängstigt ihn der Gedanke an das war er zurückgelassen hat. Er ist gefangen zwischen den Welten, den loslassen kann er auch nicht.
Aufgewachsen ist in West Ham, einem Arbeiterviertel, und auch wenn er selber nie Teil dieser körperlich Arbeitenden Gesellschaft war solidarisiert er sich sehr stark mit ihnen. Er selbst arbeitete in einer Qubicle Farm einer Versicherung als Telefonverkäufer. Dennoch wurde er von den anderen ‚Hammers‘ (Spitzname von West Ham United) akzeptiert, er hat die Schule beendet und eine Ausbildung machen können.

Dann der Schicksalshafte Tag im November. Todd war in dem kleinen Laden an der Ecke einkaufen, etwas Bier und Artikel des täglichen Bedarfs. Als die Telefonzelle an der Ecke klingelte, Todd schaute sich um aber keiner der vorbeigehenden Passanten nahm Notiz davon. Nach etwas zögern ging er ran. Erschrocken stellte er fest, der Anruf war für ihn. Es war Mickey.
An die Stelle der Leere in Todds Kopf, trat das altbekannte pochen. Mickey vergiftete wieder die Gedanken von Todd. So wie er es schon immer gemacht und Todd hinterfragte nicht. Er kann Mickey keinen Widerstand leisten.
Mickey hatte einen Job für ihn, er solle um 12 Uhr an die Waterloo Bridge kommen, in Schwarz, wie früher.
Todds letzten halbherzigen Versuch sich zu wehren wischte Mickey sofort beiseite. „Ich finde dich überall! Und es wäre doch eine Schande, wenn die Group 9 dich auch finden würde“
Todd tat wie ihm geheißen und lief nach Hause. Als er aus seiner Tasche die alten Sachen herausnahm, von denen er hoffte sie nie wieder benutzen zu müssen oder wollen, war es für Ihn als wenn er eine alte Haut überstreifte. Seine weißen Adidas Sneaker, die alte schwarze Jeans und der Hoodie.
Todd stürzte zwei Bier hinunter und ging los. An der Waterloos Bridge angekommen, wartet Mickey bereits auf Ihn. Er begrüßte Todd als ob nie etwas gewesen sei und erzählte, dass er jetzt bei Lancer Incorporated im Housing Bereich arbeiten würde und man hier für Ordnung und besseren Lebensraum sorgen müsse.
Er bedeutete Todd einen schweren Karton in das Zentrum der Zeltstadt um und unter der Brücke zu tragen. Sie enthielt Wolldecken und Whiskey für die Obdachlosen und sollte verteilt werden. Nach getaner Arbeit reichte Mickey Todd einen Flachmann, in alter Tradition nahm Todd einen Schluck und ein Feuer entfachte in ihm. Ein Feuer welches nur noch in ihm glomm, aber durch diesen Schluck mit seinem Kameraden, seinem Waffenbruder und Hauptmann wieder anfing zu lodern als ob Benzin darauf gegossen wurde. Und es fraß sich in Todds Gedanken, seine Muskeln und seinen Willen.
Plötzlich zückte Mickey einen Baseballschläger und begann mit der Hymne der West Ham Fans auf den Lippen die umstehenden einzuschlagen. Dann reichte er den Schläger Todd und alles in Todd wollte nur noch mit diesem Schläger hier aufräumen. Aber Todd zögerte, als ob er auf etwas warten würde. Willig, das zu tun was nun so offensichtlich war. Etwas hielt ihn zurück. Zweifel? Angst? Er wusste es nicht. Doch war es wie ein Donnerschlag in seinem Kopf und das Gewitter wurde entfesselt: FASS!
Und die Welt wurde Schwarz.

Am nächsten Morgen wachte Todd in seinem Zimmer auf, neben dem Bett lehnte an der Wand ein blutverschmierter Baseballschläger.
Seine Hände waren voller Kratzer und Wunden, sein Schädel hämmerte. Er schleppte sich zu dem alten Waschbecken an der Wand und übergab sich.
All die Anspannung, die Erregung und die Gier in seinem Körper waren aus seinem Körper verschwunden und er zitterte. Es war wie ein Kater nach einer sehr durchzechten Nacht.
Todd schämte sich für das Gesicht im Spiegel und brach weinend aber tränenlos zusammen. Der Rausch forderte wie so oft Tribut und wie so oft verzweifelte Todd ans ich selbst.
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Prof. Isaac Starkweather

"Wisst ihr, Gull, das ruft mir einige Theorien in den Sinn, die mir mein Sohn Howard vorgetragen hat. Sie legen nahe, dass Zeit eine menschliche Illusion ist… dass alle Zeit im gewaltigen Ganzen der Ewigkeit koexistiert. Eines Tages möchte er eine Abhandlung darüber verfassen."
- "Tatsächlich? Und wie soll der Titel lauten"
"'Was ist die vierte Dimension?' Vierdimensionale Muster im Block der Ewigkeit würden, meint er, dreidimensional Wahrnehmenden als reine Zufallsereignisse erscheinen… Ereignisse die unvermeidlich auf Annäherung hinstreben wie die Linien eines Bogengangs. Sagen wir, etwas eigentümliches geschieht 1788… ein Jahrhundert später findet etwas Ähnliches statt. 50 Jahre später noch einmal. Dann 25 Jahre. Dann 12. Ein unsichtbarer Bogen spannt sich durch die Jahrhunderte."
- "Könnte man also sagen, die Geschichte hat eine Architektur, Hinton? Diese Vorstellung ist höchst majestätisch und furchtbar zugleich."
- Aus: From Hell, Kapitel 2, von Alan Morre und Eddie Campbell


Isaacs Erinnerungen
Es ist irgendein Tag im November 1992, Isaac ist es egal, welcher Wochentag es ist und dass er nicht früh aufsteht wie alle anderen, all diese unausgereiften Regeln und Systeme sind Abfallprodukte einer Gesellschaft, zu der er längst nicht mehr gehört. Seine Familie hat ihn verlassen und seine akademische Karriere war in jener schicksalhaften Nacht kreischend zum erliegen gekommen. Nur die Notizen, die seinen Schreibtisch übersäten, geben ihm noch einen Sinn, ein Ziel, sie rufen ihn zu sich, er muss die Formel finden, das Rätsel lösen, den Schlüssel finden und das Tor, um wieder dorthin zurückzukehren, wo er in jener Nacht alles verloren hat. Miller's Court. Da, auf einem Zettel, der Name des Mädchens, das ihm den Weg dorthin gezeigt hatte. Ash. Nur ein Straßenname. Ihren wirklichen Namen kennt er nicht. Sie war mit Claire befreundet. Sie wusste sicherlich, wohin Claire verschwunden war. Aber wie sollte er an sie rankommen?

Eine weitere Notiz. "Atlantis - 11 PM". Der Atlantis Bookshop. Bücher. Eine Erinnerung: Ein bedeutendes, okkultes Werk, längst verschollen und vermisst, von allen akademischen Zirkeln längst aufgegeben. Doch nun wurden Gerüchte laut, es sei wieder aufgetaucht. Hier in London. Aber der Atlantis Bookshop? Diese Touristenfalle, voller Traumfänger, Duftkerzen und kindischen Pseudoritualen für frustrierte Hausfrauen? Er erinnert sich nicht an diese Notiz, und doch liegt sie da. Isaac entscheidet sich, der Spur nachzugehen.

Stunden später hockt er in einem Pub gegenüber des Atlantis Bookshop und starrt aus dem Fenster, beobachtet das rege Kommen und Gehen der Menschen, die er verachtet, weil sie blind sind und keine Erkenntnisse gewinnen und sich ausnutzen lassen und ihm im Weg stehen. Die Sonne ist längst untergegangen, als der Laden geschlossen wird. Es vergeht eine gute Stunde, bis die ersten Personen die Straße hinabschlendern, schließlich vor dem Buchladen halten und an die Tür klopfen. Die Tür öffnet sich jedes Mal, und die Person tritt ein. Eine der Personen ist besonders. Sie steigt aus einer Limousine, die vor dem Laden hält. In Smoking gekleidet, mit Lederhandschuhen, Gehstock und Hut. Ein wahrer Gentleman. Isaac trifft eine weitere Entscheidung. Er überquert die Straße und klopft an der Tür. Er kannte sogar das richtige Klopfzeichen. Woher? Das fragte er sich nicht. Er beantwortete die Frage, die ihm durch den Türspalt gestellt wurde. "Wer bist du?" - "Ein Sucher der Wahrheit."

Am Ende des langen Ganges betrat Isaac einen Raum, in dessen Zentrum eine kleine Bühne stand. Um diese Bühne herum haben all die Personen Platz genommen, die er hat eintreten sehen. Auch der Gentleman ist da. Auf dieser Bühne: Das okkulte, wertvolle, plötzlich gar nicht mehr verschollene Buch. Isaac erkennt bald, was hier vor sich geht: Es ist eine Versteigerung.

Einhunderttausend Pfund.
Einhundertundfünfzigtausend Pfund.
Zweihunderttausend Pfund und ein Ritual zur Verjüngung des Körpers.


Wahnwitzige Geldbeträge wurden in den Raum hineingerufen. Hat Isaac das gerade richtig verstanden? Magische Rituale?

Zweihundertundfünfzigtausend Pfund und ein Opferritual zur Anrufung dunkler Mächte, hörte Isaac sich selbst rufen.

Opferritual. Miller's Court. Was war geschehen? Hatte nicht Claire ihm das Messer aus der Hand genommen, den kleinen Hund zu verschonen, den sie auf der Straße eingefangen hatten, zum Zwecke einer Opfergabe? So war es immer wieder vor seinen Augen abgelaufen. Doch nun verschwimmt die Erinnerung. Er war es, der ihr das Messer aus der Hand nahm. Er war es, der sie harsch anwies, sich auf die Pritsche zu legen, genau da hin, wo Mary Jane Kelly 1888 von Jack the Ripper ausgeweidet wurde. Er war es, der über sie gebeugt... Oder doch nicht? Miller's Court existierte überhaupt nicht mehr. Welche Stufen waren sie hinaufgegangen, welche Tür hatten sie geöffnet, die sie in das kleine Zimmer führte, in dem noch der Duft von Blut in der Luft lag? Oder war es lediglich eine kleine Rampe, die hinaufführte in den Lagerraum im hinteren Teil eines Gemüseladens, der heute dort steht? Wo hatte Ash ihn hingeführt? Und wo ist Claire?

Als Isaac aus seiner Trance erwacht, ist es still, und er ist allein. Er verlässt fluchtartig das Gebäude und findet sich vor dem Buchladen wieder, dessen Tür fest verschlossen und vergittert ist. Auf keinen Fall kann er gerade aus dieser Tür gekommen sein, aber wo war er dann gewesen?

***

Am nächsten Tag erhält Isaac einen Brief. Ein teuer anmutender Umschlag, feine Handschrift auf edlem, schweren Papier. Es ist die Handschrift des Gentleman. Isaacs gestriges Abenteuer hat Aufsehen erregt, hat Interesse geweckt. Der Gentleman gibt ihm einen Hinweis.

Ash. Tammy Lawrence. Finde sie in der Corpus Christi Church. R.F.
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« Letzte Änderung: 28. Oktober 2019, 23:37:22 von Mr.F.Johnson »
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Vorstellung

Aktuelles Projekt: Kult Divinity Lost - Taroticum

Lieblingssysteme: Kult: Divinity Lost | Degenesis Rebirth | WarhammerFRP

Möchte testen: Warhammer 4. Ed.

Mr.F.Johnson

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  • 28. Oktober 2019, 23:48:25
Re: [Kult: Divinity Lost] Taroticum (voll)
« Antwort #5 am: 28. Oktober 2019, 23:48:25 »

Am 28.19 folgte Teil 2 von Kapitel 1 der Kampagne Taroticum - die Zusammenfassung wieder aus Sicht der Spielercharaktere



Private Korrespondenz von Pater Sebastinan MacDothery
Sehr geehrter Vater Wladzinski, lieber Karol,

ich musste am gestrigen Tage leider meinen woechentliche Stuhlkreis abbrechen.
Ein Professor aus der Innenstadt hat unsere Gemeinde besucht und wollte nicht so sehr zu mir, sondern viel mehr mit Tammy sprechen.
Die Hure von Babylon hat ihn verfuehrt und seine Schritte in die Kirche gefuehrt, allerdings nur in boeser Absicht.
Sie schlug ihn in den heiligen Hallen und stuermte dann nach drauszen. Eine Frechheit sondergleichen.
Ihr Gespraech dauerte wohl etwas laenger, ich schickte die Glaeubigen aber dann nach Hause.
Die Stimmung war vergiftet und eine wohlige Atmosphaere wollte sich nicht mehr Einstellen.

Ein Gentleman in einer Limousine gab mir vor der Kirche ein kleines Paeckchen, ein Buch mit Umschlag, eingewickelt.
Er sagte, ich wuesste schon fuer wen dies sei und fuhr dann weiter.

Ich werde seit geraumer Zeit von Alptraeumen heimgesucht, die mir eine Synderin zeigen.
Sie ist mit Dummheit geschlagen und sagt, dass jemand ihr Kinde toeten wolle.
Da mir diese Traeume eher als Vision oder Gesichte erscheinen, habe ich Nachforschungen angestellt und herausgefunden,
dass diese Dame wohl verbunden sein muss mit einem ehemaligen Gefaengnis, nur ein paar hundert Meter Luftlinie von uns entfernt.
Vielleicht kennst du diesen Orte ja? Mittlerweile wird Sandburn als Sanatorium fuer Geistesschwache genutzt.

Dorthin werden mich meine Schritte morgen tragen.
Allerdings hatte ich wieder eine Begegnung mit dem goldenen Maedchen, die wohl so viel mehr ist.
Sie zeigte mir meine Begleiter auf und so werde ich wohl mit dem ekelhaften Hausmeister und der Hure dort hin reisen.
Auch der Professor soll wohl dabei sein. Er sucht wohl eine Freundin von Tammy, ich vermute aber viel eher, dass er Unzucht mit ihr trieb.

Karol, diese Zeiten sind Gottlos ohne dich,
ich versuche mein Bestes,
In Liebe,
Sebastian
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Tammys Tagebuch
Dieser Traum beschäftigte mich noch immer. Wer war diese Frau? Und warum brauchte sie meine Hilfe? Sie sprach von ‘euch’ - wer waren die anderen?
Ihr Gesicht hatte sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt…
Statt dem Schwarzrock bei seinen selbstgefälligen Schwafeleien zuzuhören, schnappte ich mir mein Buch und fing an diese Frau zu zeichnen. Ich wollte diesen durchdringenden Blick unbedingt einfangen und hatte die Hoffnung sie so endlich aus meinem Kopf zu bekommen.
Scheinbar hatte sich jemand neben mich gesetzt, denn ich bemerkte, wie sich jemand zu mir rüber beugte und mich fragte wen ich da malen würde. Diese Stimme hatte nichts Gutes an sich! Mir schossen sofort wieder die Bilder aus der Nacht, in der ich Claire verlor, in den Kopf. Wegen ihm bin ich zusammengebrochen, wegen ihm ist Claire überhaupt auf die Idee gekommen in dieses Haus zu gehen… Er ist schuld, dass sie weg ist!
Ich blickte hoch, sah in das Gesicht des Fremde und wusste: Er ist es! Dieser verdammte Wichser! Wie konnte er es wagen hierher zu kommen und mich aufzusuchen?!
Meine Gefühle fuhren Achterbahn und ich wollte nur eins: Klarheit und Genugtuung!
Ich vergaß wo ich mich gerade befand und ging auf ihn los. Meine Wut bahnte sich ihren Weg. Ich sprang auf, ließ mein Buch und meinen Stift fallen, ging auf dieses Arschloch zu und schrie ihn an. “Was hast du mit Claire gemacht? Wo ist sie? Wehe du hast ihr was angetan du dummes Arschloch!” Die Antworten die er mir gab waren ungenau. Er gab vor, nicht mehr zu wissen was passiert sei. Eine Lüge! Ich hatte ihn gesehen als ich wieder zu Bewusstsein kam. Er lief blutverschmiert auf die Straße, ließ mich einfach liegen. Der Bastard log!!! Ich stieß ihn nach hinten, er fiel über seinen Stuhl und stolperte nach draußen. So nicht mein Freundchen! Nicht mit Ash! Ich werde es zur Not aus dir herausprügeln!
Ich lief hinterher, folgte ihm unter neugierigen Blicken auf den Spielplatz. Ich schrie weiter auf ihn ein, wollte endlich Klarheit. Er faselte, er habe keine Ahnung, würde sich an nichts erinnern und erdreistete sich meine Hilfe einzufordern. Als er von der Frau aus meinem Traum sprach hielt ich kurz inne. Woher wusste er davon? Was für ein Mensch war er wirklich? Vielleicht gab es doch eine andere Erklärung? Nein! All das Blut, sein aggressives und dominantes Auftreten, seine Verachtung gegenüber mir. Er musste schuld sein!
Als ich auf ihn losging, schubste er mich nach hinten. Ich fiel in den Sand, wurde noch wütender.
Dann kam dieser Todd. Noch so ein erbärmlicher, widerlicher Typ. Ich dachte schon er würde jetzt mitmachen wollen und sich daran ergötzen wie das Straßenmädchen fertig gemacht wird. Stattdessen stellte er sich zwischen uns und redete auf diesen arroganten Schnösel ein. Der Feigling machte kehrt und ging zurück in die Kirche.
Ich brauchte ein paar Minuten um wieder runterzukommen. Was sollte ich jetzt tun? Die einzige Möglichkeit herauszufinden was mit Claire passiert ist, war dieser Typ. Wenn ich mir jetzt nicht was einfallen lassen würde, wäre er über alle Berge.
Todd erzählte mir auch von dieser Frau. Er hat wohl den selben Traum gehabt wie ich. Dann hat dieser Typ gelogen und konnte nicht “hellsehen”, sondern hatte auch nur denselben Traum gehabt. Was ein verfickter Arsch! Der soll sich verdammt warm anziehen.
Gemeinsam mit Todd überlegte ich, wie man ihn drankriegen könnte. Wir werden ihm einfach einen Sack über den Kopf ziehen und auf ihn einschlagen. Das hatte er sowas von verdient!
Als wir da so saßen verhielt sich Todd irgendwie seltsam. Er starrte die halbstarken Jungs auf dem Karussell an. Sie soffen Bier und schienen Lust auf Stress zu haben. Ich kannte sie und wusste, dass sie nur dumme Sprüche machten und allenfalls mal jemanden um ein paar Euro erleichterten. Sie würden es nicht wagen herzukommen, waren sie doch auf mich angewiesen um sich mit Stoff einzudecken… Die Lage schien sich dann aber von allein wieder zu entspannen und wir beobachteten wie dieser Prof sich mit dem Schwarzrock unterhielt und dann wegging.
Kurz darauf hielt eine Limousine vor der Kirche. Keine Ahnung was das für eine Aktion war, aber es dauerte nur ein paar Sekunden ehe sie wieder im Nebel der Stadt verschwand…
Gemeinsam mit Todd überfielen wir also wie geplant den arroganten Hurensohn und verprügelten ihn ordentlich. Verdammt tat das gut! Jeder Schlag war eine innere Befriedigung für meinen Verlust und meine Angst um Claire.
Er erzählte von dem Traum und dass er sich wirklich an nichts mehr erinnern konnte. Er war überrascht, dass ich das Tier in dem Sack gesehen hatte und ihn blutverschmiert habe rausrennen sehen. Er schien verdammt nochmal die Wahrheit zu sagen… Um mehr herausfinden zu können, musste ich wohl tatsächlich mit ihm gemeinsame Sache machen.
Gemeinsam gingen wir in die Hausmeisterwohnung von diesem Todd. Man, was hatten wir diesen Typen zugerichtet! Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich ihm trauen kann oder trauen will. Die Story ist einfach zu abstrus… Da fällt mir ein, dass ich nicht mal seinen Namen weiß. Hmmm. Vielleicht nenne ich ihn einfach Ripper oder so. Ob es sich so zugetragen hat? Vielleicht überkam ihn irgendwas und er hat dasselbe getan was Jack the Ripper damals getan hat…? Oh Gott! Ich denke lieber nicht drüber nach.
Irgendwann kam der Pfaffe dazu und ging mir tierisch auf den Sack. Scheinbar provozierte ich ihn an den richtigen Stellen und er wurde zum ersten Mal seit ich ihm begegnet bin abfällig mir gegenüber. Er beleidigte mich und Frauen im Allgemeinen und war schneller wieder verschwunden als ich gucken konnte. Recht so! Soll er sich doch mit der strickenden Lady und dem schwarzen Hansel beglücken. Vielleicht findet er ja noch ein paar kleine Jungs mit denen er sich die Zeit vertreiben kann… Der glaubt wohl nur weil er mich zweimal nett angelächelt hat, dass ich ihn jetzt vergöttere…
Als wir wieder nach draußen gingen, kam so eine schräge Alte mit nem Einkaufswagen und zig Taschen vorbei. Ich habe ja schon echt viel in den Straßen Londons gesehen und bin auch vieles gewöhnt, aber die war schon ziemlich abstoßend! Vor allem hatte sie eine Puppe dabei und faselte die ganze Zeit was von ihrem Kind und man müsse ihm helfen und was weiß ich. Mir ging das irgendwann zu weit und ich machte mir den Spaß daraus, ihr das Ding wegzunehmen und durch die Gegend zu schmeißen. Alter! Was ging die auf einmal ab…
Irgendwer hatte Mitleid mit ihr und gab ihr das Drecksding wieder. Dann zog die Alte von dannen.
Ich glaube wir sollten tatsächlich mal in diesem Asylum oder was das war vorbeischauen. Sandburn… Auch die Alte sprach davon.
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Todds Erinnerungen
Todds Leben nahm langsam wieder Gestalt an. Er arrangierte sich mit der Arbeit und den wöchentlichen Treffen bei dieser 'Sabbelgruppe für Gestörte' wie er es nannte. Es wurde langsam ein Zuhause für ihn und der Vandalismus an der Kirchentür und die kaputte Fensterscheibe ärgerten ihn. Er wollte sein Zuhause schützen . Dieser Pseudo-Gutmensch von Pastor mit seiner ,erzählt mir all euren Kummer'-Gruppe am Donnerstag, aber das war wohl der Preis, den er zahlen musste. In West Ham war auch nicht alles perfekt. Apropos Donnerstag, es war mal wieder soweit. Todd räumte die Stühle zurecht und kochte Tee und Kaffee. Er wusste, dass die Hälfte wieder weggegossen werden würde. Wer würde denn schon kommen? Der Afghane von der Ecke, der jeden für einen Neonazi hält, die alte Katzenfrau mit ihrem Strickzeug und diese verhaltensauffällige 'ich rede nicht, ich male nur in mein Buch eieiei'-Tussi. Wie hieß sie noch? Amber? Egal. Und natürlich 'erzählt mir euren Schmerz, damit ich mir darauf einen runterholen kann' Pater MacDothery. Aber heute kam jemand Neues, ein etepetete Professor oder so. Und ab da wurde es für Todd spannend. Der Neue und unsere Kaputte sprangen sich fast an die Kehle, Todd fand das irgendwie geil. Worum ging es da? Er hat sie geknattert? Oder ihre Freundin? Oder beide???  Egal, gleich knallt es. Todd wurde erst raus gerissen als Pater Mac Dothery ihn anfuhr. "Hinterher! Bringen Sie Tammy bitte zurück." Todd realisierte, dass die beiden raus gelaufen waren. Draußen auf dem kleinen Spielplatz stritten die beiden weiter. Es ging wohl immer noch um die Freundin. Und dann - "Sandburn'? Was hatten die gesagt? Sandburn?! Wie in seinem Traum, den er die Nacht davor hatte?! Das kann kein Zufall sein. Als der Fremde Tammy körperlich bedrängt, entscheidet sich Todd einzugreifen.
Die ganze Szenerie wurde von drei Halbstarken beobachtet, die mit einer (wahrscheinlich geklauten) Flasche Vodka Einen auf dicke Hose machen wollten. Todd verspürte nach der Nacht an der Waterloo Bridge aber kein Verlangen und schob alle Gedanken daran, die drei in ihre Schranken zu weisen ,beiseite.
Er blieb mit Tammy weiter draußen sitzen und sprach sie schlussendlich auf seinen Traum an. Sie hatte den gleichen oder zumindest einen ähnlichen Traum gehabt. Beide entschieden sich, Prof. Starkweather, der wohl der Boss von Tammys Freundin war, zur Rede zu stellen. Mit einem Sack, wollten sie ihm in einer Gasse auflauern.  Als sie aufbrechen wollten, sah Todd Mickey in einem der Jugendlichen hämisch grinsen und nicken.  Oder bildete er sich das nur ein? Ihnen gelang es den Professor zu überwältigen und mit etwas körperlicher Gewalt zum Reden zu bewegen.  Als der Professor anfing, etwas über den Traum zu erzählen, dass er ihn auch hatte und welche Bedeutung er ihm zusprach, begann es wieder in Todds Kopf zu hämmern.  In seiner kleine  Wohnung wollten sie alles weitere besprechen. Plötzlich stand der Pater vor der Tür, drängte in die Wohnung und fing an mit den dreien zu streiten. Dieser Streit eskalierte darin, dass der Pater Tammy ohrfeigte, in Todds Wohnung.
Dennoch konnten sie sich darauf einigen, gemeinsam nach Sandburn zu fahren. Denn auch der Pater hatte einen Traum, oder Vision bzw. Erscheinung wie er es nannte.

Als sich die Gruppe aufzulösen begann, aufgrund der voran geschrittenen Stunde, kam es noch zu einer Begegnung  mit einer Bag Lady. Sie brabbelte wirres Zeug und hielt eine Puppe in die Luft und schrie, sie sollen das Neugeborene schützen. Genau die gleichen Worte wie in dem komischen Traum! Tammy wurde der Frau gegenüber gewalttätig und auch der Pater sah keine Veranlassung der Dame zu helfen. Er gab sogar Todd die Schuld am auftauchen der alten Frau.
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« Letzte Änderung: 22. November 2019, 18:01:43 von Mr.F.Johnson »
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  • 22. November 2019, 17:58:00
Re: [Kult: Divinity Lost] Taroticum (voll)
« Antwort #6 am: 22. November 2019, 17:58:00 »

Und weiter geht's am kommenden Montag, 25.11., mit einer Art Doppelepisode. Ab 18.30 Uhr folgen wir Tammy Lawrence und Isaac Starkweather auf den Spuren Jack the Rippers nach Spitalfields, London, wo sie versuchen wollen, die verlorenen Erinnerungen des Professors an jene Nacht wiederzuerlangen, in der Tammy's beste Freundin verschwand. Und ab 19.30 Uhr geht es für die gesamte Gruppe an den Ort, an den sie von der schwangeren Frau in ihren Träumen gerufen werden: Sandburn Asylum.



Scenes of my childhood arise before my gaze,
Bringing recollections of bygone happy days,
When down in the meadow in childhood I would roam;
No one's left to cheer me now within that good old home.
Father and mother they have passed away.
Sister and brother now lay beneath the clay;
But while life does remain, to cheer me I'll retain
This small violet I plucked from mother's grave

Chorus
Only a violet I plucked when but a boy,
And oft' times when I'm sad at heart, this flow'r has given me joy,
But while life does remain, in memoriam I'll retain
This small violet I plucked from mother's grave.

Well I remember my dear old mother's smile,
As she used to greet me when I returned from toil;
Always knitting in the old arm chair,
Father used to sit and read for all us children there.
But now all is silent around the good old home,
They all have left me in sorrow here to roam;
White life does remain, in memoriam I'll retain
This small violet I plucked from mother's grave.
- A Violet from Mother's Grave, Copyright 1881 by J. W. Pepper.




Kapitel 7: 1887 – Der Hierophant – Geburah
Hinter den verschlossenen Türen der Oberschicht ging so viel vonstatten. Die Drogen und die Unzucht und die magischen Experimente. Wir weideten uns daran. Und ich war einfach begeistert, als Crowley den Golden Dawn entzwei riss. All diese prätentiösen, kleinen Blagen. Ich, Elsa und Seymour liebten ihn. Seine Fleischesmagie. Die Transformationen und Ekstasen. Die Hochwohlgeborenen verehrten ihn natürlich und hielten ihn doch auf Abstand. Wir verschrieben uns ihm ganz. Besonders Seymour.
„Wisst ihr“, knurrte er. „So wie ich das Tarot sehe, sollte „Stärke“ in „Lust“ umbenannt werden, denn das ist viel näher an der Wahrheit.“
Wir überschlugen uns förmlich in unserem Betteln um seine Wahrheit.
Aus: Das Leben und Unleben des Rupert Faraday, von Anders Fager

« Letzte Änderung: 22. November 2019, 18:06:40 von Mr.F.Johnson »
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