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Autor Thema: Downtime mal anders: Eine Suche  (Gelesen 422 mal)

Danii0206

  • Spielleiter
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  • Beiträge: 1209
  • 26. April 2020, 19:31:22
Downtime mal anders: Eine Suche
« am: 26. April 2020, 19:31:22 »

Die Zwölfe zum Gruße!

Vor ein paar Monaten stellte ein anderer Spielleiter ein SL-Tipp-Video zum Thema Downtime bei Youtube ein. (Link)
Darin beschreibt er, wie Spieler seiner Runde zwischen den gemeinsamen Abenteuern auf Soloabenteuer gehen. Das Konzept gefiel mir sofort.

Zufällig fiel ungefähr zum selben Zeitpunkt in meiner Runde ein Spieler längere Zeit aus. Also... warum das Gelernte nicht gleich in die Praxis umsetzen? Wir haben uns kurz darüber unterhalten und es kam die Idee, dass man das als Forenspiel abhandeln könnte, damit der Rest der Gruppe mitlesen kann. Das Problem daran: eventuelle Spoiler. Um dies zu verhindern, haben wir per PN gespielt und das Ergebnis der jeweiligen Posts als Geschichte im Gruppenforum veröffentlicht. Das kam so gut an, dass ich euch das Ergebnis der letzten 2 Monate nicht vorenthalten möchte.  ;D

Achtung: Das folgende enthält kleine Spoiler zu einem Szenario aus der Gareth-Box. Um meine Gruppe nicht zu spoilern, nenne ich es "Eine Suche".

Beteiligte:
Spielleiter: Danii0206
Spieler: Sharuk
Auf jeden Fall unabhängiger und garantiert zufälliger Zufallsgenerator: Neflite

Eine Trennlinie markiert die Momente, in denen wir per PN gespielt haben. Viel Spaß beim Lesen!



"Da ist der Wagen." Ein Moment vergeht. "Er ist leer." Die verhüllte Figur steht im Schatten und beobachtet. "Er muss sie schon losgeworden sein. Heiße Ware lässt man nicht in der Praioshitze verkommen." Der Blick schweift Richtung Gasthaus, das den Wagen in der Seitengasse leidlich gut versteckt. "Und das würde zu viel Aufsehen erregen." Das Geschrei der Händler zieht seine Aufmerksamkeit. Auf dem Marktplatz drängen sich ein paar Bauern und Handwerker um die einfachen Waren. "Was er hier wohl will?" Die ersten Stände sind bereits auf Karren geladen und ziehen gen Stadttor. Dorftor. Die kleine Holzpalisade kann man kaum Mauer nennen. "Wenig Schutz. Wenige Passanten. Abends sind die Straßen leer." Der Blick heftet sich wieder an die Tür der Gaststube. Der Schläger war darin verschwunden, soviel hatte er noch gesehen. Er war ihm schon lange auf den Fersen, doch immer hat etwas nicht gepasst. So folgte er ihm von Stadt zu Stadt, von Haus zu Haus, ohne Gelegenheit. Er fuhr im Kreis. "Hier oder nirgends."



Er schaut sich noch einmal um. Die Kapuze etwas weiter ins Gesicht geschoben, verlässt er seinen Schattenplatz. Zielstrebig schlendernd führt ihn sein Weg über den Markt. Der Händler ist zu sehr beschäftigt, seine Borntoffeln anzupreisen. "Mehlig kochend, garantiert aus samenfesten Pflanzen. Die hat mein Vetter dritten Grades einer Kräuterfrau in Hexenhus bei Norburg abgekauft." Nun hat er einen Apfel weniger. "Samenfest, ist klar. Phex sei Dank nicht kistenfest." Beim dritten Bissen fällt die Kapuze etwas zurück. Zufällig erhascht er einen Blick in die Fenster des Gasthauses. "Glas, im einzigen Steinbau des Dorfes. Könnte klirren." Dahinter stapelt ein einsamer Herbergsvater Teller. Ein Tisch ist besetzt mit Händlern, die sich ihre Kehle mit Bier zurück in den Leib spülen. Auf der anderen Seite des Raumes beißt der Gesuchte herzhaft in eine Haxe. Neben ihm eine Treppe, die nach oben führt. Die Gestalt richtet die Kapuze und senkt angewidert den Blick. "Zimmer sind wohl im ersten Stock." Ein Spaziergang um das Gebäude bringt einen Schuppen und einen Stall mit Heuboden zum Vorschein. Darin die beiden Gaule, die den Karren zogen. "Wenn die wüssten, welche Fracht die ausliefern." Die Hecke um den Garten mit vermutlich irgendwie kochenden Borntoffeln wirft lange Schatten auf die hintere Seite des Gebäudes. "Perfekt. Nun heißt es warten." Die Dämmerung bricht ein.



"Vom Stall hat man bestimmt eine gute Aussicht." Wie selbstverständlich biegt die verhüllte Person auf den Seitenweg ab. Die kleine Hintertür ist schnell geöffnet. Zu schnell. In der Rumpelkammer fällt polternd ein Besen zu Boden. Erschrocken wiehern die Pferde auf. Ihre Hufe treten gegen die Boxenwand. "Verdammte Viecher!" Am Dorfeingang beschwert sich ein Karrenfahrer über die Schafe, die ihm den Weg versperren. Zwei Wachposten versuchen ihn zu beruhigen. Endlich sieht er ein, dass seine Aufregung an der Situation nichts ändert. Die Gäule sehen das allerdings überhaupt nicht ein. Jedes "Schhh" und "Brrr" scheint sie nur noch mehr anzustacheln. "Was haben die Tiere denn jetzt schon wieder?!" Eine ungehaltene Stimme nähert sich dem Stall. "Ho..., ho... ist ja gut ihr zwei." Das Gewieher ebbt ab, die Tritte verstummen. Bald entfernt sich auch die ungehaltene Stimme wieder in Richtung Gasthaus. Hinter den Heuballen atmet jemand tief durch. "Kann ja keiner ahnen, dass sie einen nivesischen Akzent bevorzugen."

Im Gasthaus beleuchten Kerzen die Fenster. Eines davon ist ganz besonders interessant. Ein grobschlächtiger Mann sitzt an etwas, das einem Tisch ähnelt, und schreibt Notizen in ein kleines Buch. Er hat einiges zu notieren. Erst eine ganze Weile später legt er die Feder aus der Hand, klappt das Buch zu, löscht die Kerze und begibt sich in das einfache Bett seines Schlafgemachs. Bald sind die Fackeln im Dorf runtergebrannt und der Schleier der Nacht legt sich über die Siedlung. Alle sind in ihren Häusern und ruhen sich aus, damit sie morgen wieder auf die Felder oder in die Handwerksstube können. Es ist still - so wie das geheimnisvolle Buch, das noch immer auf dem Tisch liegt.



"Dann wollen wir uns dieses Buch einmal anschauen." Die Außenmauer hoch ist kein Problem. Schnell ist ein Dietrich gezückt und das Fenster geöffnet. *Schnarch* "Der macht nicht den Eindruck, gerade etwas dagegen zu haben, dass jemand außer ihm das Buch liest." Auf leisen Sohlen schleicht die Gestalt zum Tisch hinüber. "Tabellen... mit Namen... Zahlen... und... sind das Ortsnamen? Der letzte Eintrag ist A...n...g.." Ein Geräusch lässt ihn erstarren. *Schnarch* Der Grobschlächtige dreht sich auf die andere Seite. ".b...a...r. Jup, Ortsnamen. Danke Caya!" Er blättert ein paar Seiten zurück. Nicht was er sucht. Er blättert noch etwas zurück. Nicht was er sucht. Er blä... da! Der einzige für ihn interessante Name steht dort zwischen irgendwas mit U und irgendwas anderem mit F. Dahinter eine Zahl. "Was, nur so wenig?" Er schüttelt den Kopf. Dahinter.... Er klappt das Buch zu. Für diese Information ist er weit gereist.

Er legt das Buch leise zurück. Beim Umdrehen erblickt er einen kleinen Beutel neben dem Kissen des Schlafenden. "Ob es ihm wohl was ausmacht, morgen etwas leichter zu reisen?" Der Schatten überlegt einen Moment. Dann geht er zielstrebig, mit einem kleinen Umweg, zum Fenster. Der Beutel in seiner Tasche bringt ein kurzes Lächeln auf seine Lippen. Das Wissen aus dem Buch dagegen macht eine weitere Reise nötig. Er sucht die Nadel im Heuhaufen. Jetzt weiß er, in welchen Haufen sie gefallen ist.



Ein halber Göttername ist vergangen, seit er hier ankam. Jeden Halm Heu hat er sich einmal angeschaut - es war sehr schönes, aber auch sehr abstoßendes dabei - und doch hat er keinen Hinweis auf eine Nadel gefunden. "So wird das nichts. Ich muss einen anderen Weg finden." Der Schatten gesellt sich zu den seinen, liest ein paar Zeichen, hört sich hier um, beginnt dort ein Gespräch. Eine weitere Woche vergeht. "Jetzt weiß ich, dass es hier im großen und ganzen einige Organisationen gibt, und welche mir davon am ehesten behilflich sein würde. Doch den rechten Ansprechspartner habe ich bisher immer 'gerade verpasst'." Er setzt sich an einen Tresen und hängt gedankenverloren über einem Krug Bier. Der Wirt ist ein fröhlicher Mann, hat in seinem Leben bestimmt schon die ein oder andere Geschichte erzählt. Gerade verabschiedet er den vorletzten Gast. Dann beugt er sich zur Kapuze runter. "Egal was du tun musst, einfach da sitzen hat noch nie geholfen. Handle!" Dann sagt er noch was von Ladenschluss, aber das nimmt die Gestalt unter der Kapuze schon gar nicht mehr wahr. "Natürlich, es ist so einfach, da hätte ich drauf kommen müssen!" Eine Münze mehr wandert über den Tisch.

Am nächsten morgen besucht er den Tempel. Nach den üblichen Ritualen nimmt er einige Münzen aus dem Beutel, der erst seit kurzem sein Reisegefährte ist. "Wie hoch mag der Preis wohl sein? Schwer einzuschätzen, wenn man die Ware noch nicht gesehen hat." In der Kollekte klimpert es. Er seufzt, als er den Weg auf die Straße hinaus betritt. Enges Treiben lässt ihn einen Moment innehalten. "He, habt Ihr eine Münze für einen alten Krüppel?" klingt es von der Seite. Einer Eingebung folgend nickt die Kapuze und tritt einen Schritt näher. Der alte Mann mit lichtem Haar, der auf einem bequemen Brett kniet um nicht auf den kalten Steinen zu hocken, streckt ihm erfreut die Hand entgegen. Als er die Münze entgegen nimmt, ergreift er die gebende Hand. "Eure Anzahlung für den Handel wurde zur Kenntnis genommen. Hier Eure Quittung." Dann in normalem Ton: "Ihr seid zu gütig, mein Herr, habt Dank!" Mit einem Nicken und einem kleinen Zettel - in der Hand verborgen - verabschiedet sich die verhüllte Gestalt. Der Krüppel verfolgt kritisch ihren Abgang. Dann steht er auf und verschwindet in der Masse der Menschen, die durch die Straßen wabert.



Ein Rätsel in Reimform. Nach einiger Recherche erkennt der Suchende, dass einige Zeilen uneindeutig sind. "Na dann eben im Ausschlussverfahren." Das erste vermeintlich benannte Gebäude trägt tatsächlich das beschriebene Wappen. "Huh, das... hatte ich nicht erwartet. Ungewöhnlich." Sein Blick schweift nach Westen, ein ungläubiges Kichern schleicht in sein Gesicht. "Der Gerichtshof? Das ist doch ein schlechter Scherz! Dort schläft niemand den Schlaf des Gerechten. Oder... ist es Sarkasmus, der aus dem Gedicht spricht?" Das Madamal erhellt den Nachthimmel gerade genug, dass er sich mit der Kapuze tief im Gesicht einmal umschauen kann. Aber auch eine nähere Betrachtung bringt keine neuen Erkenntnisse. Als die Praiosscheibe neugierige hinter dem Horizont hervorlugt, bricht er die Suche ab.

Das zweite Gebäude, auf das die Beschreibung passt, trägt ebenfalls das beschriebene Wappen. Hier ist es sogar größer und prominenter angebracht, als an dem Gebäude der letzten Nacht - ein gutes Zeichen. Der Blick schweift nach Westen. An der Innenseite der Stadtmauer liegen Wohnhäuser erfolgreicher Kaufmannsleute und Kunsthandwerker. Als Ziel kommen wenigstens drei Gebäude in Frage, über die nach Recherchen der ein oder anderen Art folgendes bekannt ist:
1) Ein unbewohntes, älteres Gemäuer einer Kaufmannsfamilie, die sich im Jahr des Feuers auf einen Landsitz zurückgezogen hat. Es wird von den Wächtern des befreundeten Nachbarn und deren Wachhunden scharf bewacht, und ist bis unters Dach mit raffinierten Fallen angefüllt.
2) Die Bleibe eines greisen Antiquitätenhändlers, die dermaßen überbordend mit Kunsthandwerk aus fernen Landen vollgestellt ist, dass man verschiedene Zimmer kaum mehr durchqueren kann. Kunst und Trödel sind hier schwankend gestapelt und blicksicher verhangen. Unter dicken Staubschichten befinden sich Objekte aus den Landen der Mohas, Vasen aus dünnem Kristall und ähnliches.
3) Das dritte Haus wird von einer kinderreichen Familie bewohnt und besitzt zierreich vergitterte Fenster, die ein Eindringen von außen praktisch unmöglich machen. Hier blüht das Leben: Zu keiner Zeit des Tages befinden sich weniger als fünf Personen im Gebäude. Die Mägde bewohnen eine schmale Mansarde direkt unter dem Dachfirst.
"Prächtig..., prächtig..., ebenfalls prächtig." Er seufzt: "Na prächtig!" Er entfaltet die Notiz und liest abermals die Zeilen des Gedichtes.



Drei Nächte vergehen. Außer den üblichen Bewegungen gibt es keine nächtlichen Besucher, keine Schatten, die ein- oder ausgehen. Das Papier mit dem Gedicht ist längst zerknüllt in der Tasche. "Daraus werde ich einfach nicht schlau. Es muss einen anderen Weg geben!" Er sucht die üblichen Zinkenplätze ab, doch keines der drei Häuser scheint markiert. "Was soll's, fang ich eben bei der Goldenen Mitte an."

Am nächsten Morgen öffnet Alrik seine Türe, so wie es seit über 30 Götterläufen sein Brauch ist. Zu Anfang kamen noch neugierige Adlige um seine Waren zu bestaunen, aber nach ein paar Jahren war ihre Neugier gestillt. Zuletzt wollten nicht einmal mehr Abenteuerer sein Antiquariat nach brauchbaren Schätzen durchforsten. Auch als Abnehmer gewisser Kuriositäten hatte man ihn vergessen. Ab und an vermachte man ihm den Nachlass eines Verstorbenen, wenn man nicht wusste, wohin mit dem Zeug. Er schmunzelt. "Jaja, die Jugend heutzutage... hat keinen Respekt mehr vor den alten Geschichten." Er will sich gerade umdrehen, da tritt überraschend ein junger Mann in sein Sichtfeld. Er trägt einen dunklen Mantel, seine Kapuze hängt über dem Gesicht. "Solche Leute kenne ich. Die haben sich auch schon lang nicht mehr blicken lassen. Eigentlich war ich froh drum, haben die meisten doch etwas unheimliches an sich. Mal sehen, was der da will." Er seufzt, bevor er die Stimme zu einer normalen Unterhaltung erhebt. Die Worte hat er schon so lange nicht gesprochen, dass sie fremd klingen: "Phex zum Gruße! Willkommen bei Alriks Altem Allerlei! Wie kann ich euch helfen?"

"Phex zum Gruße! Ich bin auf der Suche nach etwas... bestimmten. Doch bin ich mir nicht sicher, was genau es ist. Vielleicht kannst du mir wirklich helfen, ohne dass wir beide das jetzt wissen. Darf ich mich umsehen?"

Alrik begutachtet den Fragenden. Er hat diese Ausstrahlung, wie sie viele vor ihm hatten. Doch irgendwas ist anders. Vielleicht sucht dieser hier wirklich etwas? Könnte es zur Abwechslung mal wieder ein echter Kunde sein? "Nun, natürlich, kommt herein! Habt ihr eine Ahnung, was in etwa es sein soll?" Sie gehen durch die Tür in den vorderen Verkaufsraum. Staub bedeckt die Büsten weniger bekannter Adliger, Spinnennetze zieren Gemälde unterschiedlicher Qualität und Herkunft. Auf einem Regal liegen - neben Kerzenständern und Girandolen - Schrumpfköpfe aus dem Lande der Mohas. Alles hat seine Ordnung, so wie es seit über 30 Götterläufen sein Brauch ist.

"Nein, leider nicht. Vielleicht inspiriert mich hier etwas. Hast du einen Tipp, wo ich mit dem Stöbern anfangen soll?"

Komischer Kauz, sucht Inspiration. Wenn er die hier nicht findet, dann weiß ich auch nicht. "Nun, ihr scheint nicht von hier zu sein. Vielleicht findet ihr im hinteren Raum etwas aus eurer Gegend. Erinnerungen können sehr inspirierend sein...!" Der andere schaut in Richtung der Tür, die Alrik ihm gewiesen hat.

"Danke, vielleicht hast du Recht. Ich schau mich da einfach mal um."

Alrik schaut ihm mit gemischten Gefühlen hinterher. Dann geht er zurück zu dem was er sonst auch immer macht. Er setzt sich hinter seinen mit Büchern vollgeladenen Tresen und summt ein Lied, so wie es seit über 30 Götterläufen sein Brauch ist.

Im hinteren Raum stapeln sich Vasen aus dem Süden. Horasische Tuche liegen über mhanadischen Möbelstücken. Kisten über Kisten voller Gebrauchsgegenstände aus gebrannter Erde. An der Wand hängt eine handgezeichnete Karte von Aventurien, die bestenfalls lückenhaft, wenn nicht gar grob falsch ist. Darunter steht auf einem kleinen Regalbrett eine kleine Schatulle. "Hmm, so eine habe ich schon mal gesehen - wenn auch nur aus der Ferne. Vor langer Zeit wurde sie als Geschenk mitgebracht. Allerdings hatte die damals kein Praiossymbol darauf." Seine Neugier ist geweckt. Er begutachtet das kleine Holzwerk von allen Seiten. Sie enthält kleine Löcher - kein gutes Zeichen. Durch den Öffnungsschlitz lässt sich eine Sprungfeder erkennen. Zudem ist sie mit einem Schloss gesichert. Ein Schlüssel ist nirgends zu finden. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich am helllichten Tage einen Dietrich brauche." Mit ein paar geübten Handgriffen ist der Deckel geöffnet und die Sprungfeder noch in ihrer alten Position. "Das ist auch gut so, sonst hätte ich mich bestimmt erschrocken. Na mein kleiner, wer hat dich denn darin vergessen?" Die leblose Hülle eines Feuerskorpions liegt auf einer gespannten Sprungplatte. "Wenn jemand anderes die Schatulle ein paar Götterläufe früher geöffnet hätte, das wäre bestimmt unangenehm gewesen. Aber was bewachst du denn?" Vorsichtig nimmt er den Skorpion heraus. Darunter liegt ein kleines Stück Pergament. " 'So wie PRAios...' - hmm, das hilft mir nicht. Ist aber vielleicht interessant." Das Pergamentstück verschwindet im Lederrucksack.

"Seid ihr fündig geworden?" Alrik schaut vom Aventurischen Boten auf, auch wenn die Berichterstattung vom Besuch des uthurischen Prinzen in Belhanka amüsant zu lesen ist. Sein gegenüber scheint unschlüssig. "Nicht wirklich. Aber..." Er zögert. Jetzt wird es entweder interessant oder gefährlich. "Hast du zufällig einen ausgestopften Falken, der schon ein paar Federn gelassen hat?" Einen... was? Was will er denn damit? "Nein, damit kann ich nicht dienen. Ich habe einige andere ausgestopfte Tiere. Einen Bussard auf Ansitz, oder einen Habicht mit ausgebreiteten Flügeln. Ein Falke dagegen... nein, der war nicht dabei. Was wollt ihr denn damit?" - "Ach nichts. Ich gehe dann wieder. Du hast wohl nichts, was mir hilft." Nach ein paar Schritten bleibt er stehen. Alrik beobachtet ihn unsicher. Er dreht sich nochmal um und hält Alrik einen Silbertaler entgegen. "Ich danke dir für deine Zeit. Am besten vergisst du, dass ich hier war." Alrik nickt. Ja, das wird er tun, denn es ist das sicherste - war es schon immer gewesen.

"Das hat mich nicht weitergebracht. Ich war wohl im falschen Haus." Er zieht die Kapuze wieder tief ins Gesicht, sodass niemand sein Augenrollen sehen kann.



"Da wollte wohl jemand Boron austricksen. Hat nicht geklappt, sonst wäre dies hier nicht beim alten Alrik gelandet." Er zuckt fast unmerklich mit den Schultern, nachdem er das Pergament nochmal gelesen hat. "Aber etwas Wahres ist schon dran. Je mehr Zeit ich hier vergeude - " er mag den Gedanken nicht weiterdenken.

"Gute Nacht, Joran!" - "Gute Nacht, Vater!" - "Gute Nacht, Finja!" - "Gute Nacht, Vater!" - "Gute Nacht, Leonora!" - "Gute Nacht, Mutter!" - "Gute Nacht, Rhonan!" - "Gute Nacht, Mutter!" - "Gute Nacht, Phillius!" - "Aii hihe bm pffrrt!" - "Genau du kleiner Knirps!" - "Gute Nacht, Traviane!" - "Gute Nacht, mein Herr!" - "Gute Nacht, Utta!" - "Gute Nacht, mein Herr!"

Nach und nach werden die Lichter hinter den Fenstern gelöscht. "Gute Nacht, Melva!" - "Gute Nacht, Gideon!"

Endlich ist es still. Ein Schatten nähert sich dem Haus mit den zierreich vergitterten Fenstern. Nochmals schleicht er die Mauern entlang, auf der Suche nach auffällig unauffälligen Markierungen. Fehlanzeige. "Na gut, dann schauen wir uns mal drinnen um. Die Fenster im Erdgeschoss fallen aus. Die Türe wird mehr gesichert sein, als es für ein volles Haus gesund ist." Er schaut nach oben. Die Fenster der Mansarde sind nicht vergittert. Und sollte ihn doch jemand bemerken, ist eine Magd sicher einfacher abzuschütteln, als der Hausherr oder einer der Halbstarken. Es dauert einen Moment, doch bald hat er eine geeignete Stelle gefunden um das Mauerwerk zu erklimmen. Auf einem Balken sitzend, beobachtet er das sanfte Heben und Senken der Decke, bis Boron die Magd in den Schlaf der Gerechten geleitet. Er hat den Dietrich schon gezückt, da kommt Bewegung in die Gasse. Ein Nachtwächter samt Laterne spaziert auf seiner Runde im denkbar ungünstigsten Moment hier vorbei. "Jetzt bloß nicht bewegen!" Die Augenblicke werden zu Momenten als der Schein des Ölfeuers zum Dach hinauf flackert. "Da!" Abrupt fährt der Blick des Wächters in Richtung Anwesen. "Ist da jemand?" - "Phexverflucht, habe ich das etwa laut gesagt?" - "Hallo!?" - "Das hat mir gerade noch gefehlt."

Ein Fenster öffnet sich. "Alles gut, Alfons, ich musste nur noch einmal zum Abort." - "Bei den Zwölfen, Gideon, du hast mir für einen kurzen Moment einen Schrecken eingejagt!" - "Verzeih mir. Ich wünsche eine ruhige Nacht." - "Und dir einen borongefälligen Schlaf!"

"Puh, da muss ich mich demnächst mal wieder bei Phex erkenntlich zeigen. Das ist gerade nochmal gut gegangen. Aber, was haben wir denn hier...?" Als es wieder ruhig und dunkel ist, begutachtet er die Furchen und Kerben im Holz des Fachwerks, die im Lichtschein der Laterne auffällige Schatten warfen. Dort eingeritzt ist eine Folge von Buchstaben und Zahlen.



Zurück in der Herberge lässt er sich auf das Bett fallen. Die vielen nächtlichen Ausflüge machen sich bemerkbar. Er denkt an die Buchstaben und Zahlen, die er auf einen kleinen Zettel notiert in seiner Manteltasche verstaut hat. "Es geht offensichtlich um eine Akte, eine bestimmte Akte. Nur, wo wird sowas hier gelagert?" Er schlägt den Mantel wie eine Decke über sich zusammen. Fast ist er schon im Traumreich Borons, da kommt ihm eine Idee. Eine zweite Notiz muss her, darauf eine Abschrift der ersten - mit ein paar absichtlichen Zahlendrehern. "Und morgen suche ich meinen guten örtlichen Kontakt auf!"

Am nächsten Morgen öffnet Alrik seine Türe, so wie es seit über 30 Götterläufen sein Brauch ist. Zu Anfang kamen noch neugierige Adlige um seine Waren zu bestaunen, aber nach ein paar Jahren war ihre Neugier gestillt. Zuletzt wollten nicht einmal mehr Abenteuerer sein Antiquariat nach brauchbaren Schätzen durchforsten. Auch als Abnehmer gewisser Kuriositäten hatte man ihn vergessen. Ab und an vermachte man ihm den Nachlass eines Verstorbenen, wenn man nicht wusste, wohin mit dem Zeug. Er schmunzelt. "Jaja, die Jugend heutzutage... hat keinen Respekt mehr vor den alten Geschichten." Er will sich gerade umdrehen, da tritt überraschend ein junger Mann in sein Sichtfeld. Er trägt einen dunklen Mantel, seine Kapuze hängt über dem Gesicht. "Ich dachte, ich sollte ihn vergessen. Leicht macht er es mir ja nicht. Mal sehen, was er heute will." Er seufzt, bevor er die Stimme zu einer normalen Unterhaltung erhebt. Die Worte hat er schon so oft gesprochen, dass es ihm nicht schwer fällt, den Schein zu wahren: "Phex zum Gruße! Willkommen bei Alriks Altem Allerlei! Wie kann ich euch helfen?"

"Phex zum Gruße, Alrik! Es freut mich, dich wiederzusehen!" - "Oh, ich vergaß, dass wir uns kennen." Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, während sich ein Auge zum Zwinkern schließt. "Ich muss euch enttäuschen, was ihr sucht, ist auch über Nacht nicht eingeflogen." - "Das dachte ich mir, aber vielleicht kannst du mir heute bei etwas anderem umso behilflicher sein. Darf ich eintreten?" - "Natürlich."

Das Antiquariat sieht genauso aus, wie gestern. Alrik bedeutet dem Fremden, voranzugehen. Aus einer Laune heraus, die man nur durch Weisheit erklären kann, schließt er hinter den beiden die Tür. Wie zur Bestätigung seiner Ahnung, geht der Fremde direkt zum Tresen, und wartet. Alrik nimmt seinen Platz hinter dem Tresen ein. Jetzt wird es entweder interessant oder gefährlich. In der einen Hand des Fremden liegt eine Silbermünze, in der anderen eine Notiz. "Ich glaube, dies hier bezeichnet eine Art Dokument. Mich interessiert, wo es zu finden ist."

Der alte Mann nickt zustimmend und nimmt die Notiz entgegen. Ein kurzer Blick genügt und seine Augen weiten sich leicht erschrocken. Sorgsam legt er den Zettel zurück auf den Tresen. "Ich... mir war nicht bewusst, dass ihr... diesen Falken sucht."



Der Schatten einer Magd huscht durch die frühe Praiosscheibe. "... und bring noch ein paar Borntoffeln mit!" - "Sehr wohl, meine Dame."

Im Verkaufsraum schauen sich die beiden Gegenüberstehenden musternd an. Wie viel weiß der andere, wer ist er, was hat ihn hier her gebracht? Durch bloßes Starren sind keine Antworten zu bekommen. Der Kapuzenträger schmunzelt und nimmt die Hand von der silber glänzenden Münze. "Ein Gefallen für einen Gefallen." Alrik verzieht den Mund zu einem abschätzigen Lächeln. "Ihr seid wirklich nicht von hier, oder?" - "Das ist wohl offensichtlich. Ich bin auf der Suche nach etwas und ich vermute, dass dieser Falke mir beim finden helfen kann." Alrik überlegt einen Moment. "Ihr habt keine Ahnung, wen ihr sucht?" Eigentlich war es mehr Feststellung als Frage. "Naja, schon... nur wer der Falke ist, weiß ich nicht." Alrik nickt milde. "Ihr seid nicht von hier." Der Mann im Mantel wartet, ob Alrik von sich aus noch etwas anfügt. Dem scheint nicht so. "Bist du von hier?" - "Nein." Ein Grinsen überzieht sein Gesicht. "Aber das ist schon so lange her, dass sich niemand daran erinnert." Die Kapuze nickt milde. "Es fällt nicht auf. Schließlich möchte man nicht unnötig auffallen oder dumme Taten in fremden Revieren begehen. Daher brauche ich deine Hilfe."

Er ist also wirklich einer von denen. Kam mir gleich unheimlich vor. Nun gut. Am ehesten werde ich ihn wohl los, wenn ich ihm gebe, was er will. Alrik nimmt den Zettel und begutachtet die Notiz. "Es ist so zu lesen, wie ein Beilunker die Anschrift auf einem Brief lesen würde." Er schaut auf, doch die Augen des Gegenüber sehen ratlos aus. "Ich bevorzuge, meine Nachrichten selbst zu überbringen." Der Mantel zuckt mit den Schultern. "Natürlich. Dann lasst mich erklären. Zuerst steht auf einem Brief ein Name, dann eine Straße, eine Stadt und zuletzt noch ein Land. Ein Beilunker muss zunächst wissen, in welches Land er reiten muss. Also beginnt er hinten zu lesen." Der andere nickt. "Wer auch immer eure Notiz verfasst hat, hielt es allerdings nicht für nötig, ein Land, eine Stadt oder eine Straße anzugeben. Hilft euch das weiter?"



Demnach ständen die letzten drei Buchstaben für den Namen. Entweder des Gebäudes oder des Inhabers. Helfen tut es also. Die Frage ist, wofür stehen diese Buchstaben? Ist das eine geläufige Abkürzung, die man kennen sollte? Das Stadtarchiv scheint es nicht zu sein. Der Mann in der Kapuze nickt und zeigt, dass er verstanden hat - naja, teilweise. "Kennst du diesen Namen oder weißt du, wofür die Buchstaben stehen?"

Er ist definitiv nicht von hier. Seine Augenbrauen heben sich in einem Ausdruck von Unverständnis und Neugier. "Ihr seid wirklich nicht von hier." Alrik seufzt. "Nun, es handelt sich um..." Der alte gibt eine kurze Beschreibung des Namens und des Handelskontors, für das er steht.

Eine weitere Silbermünze wechselt den Besitzer.



"Was soll das heißen, Ihr habt ihn verloren? Wie kann man einen Beutel mit 18 Silbertalern verlieren? Wovon soll ich denn jetzt das Geschmeide bezahlen, dass ich wegen des Traviabundes Eurer Base Praianne bei Meister Leowick in Auftrag gab? Liebt ihr mich denn nicht mehr?!"

Etwas früher: "Hoppla, der Herr da vorne hat etwas verloren. Ein Beutel, recht schwer. Wenn er weiter so zielstrebig seinen Weg fortsetzt, werde ich ihn in der Menge nicht mehr ausmachen können." Entspannt schaut er ihm hinterher, bis er ihn nicht mehr sieht. "Nunja, dann ist das eben so."

Schon an der Straßenecke ist es kaum zu übersehen. An jedem zweiten Gebäude hängen Banner mit silbernem Falken auf rotem Grund. Auf der Straße herrscht geschäftiges Treiben. "Bildet einen Gassen, macht Platz den Ochsen, bildet einen Gassen!" Etwas zur Seite gedrängt hebt er die Kapuze um das Gebäude in seiner vollen Pracht sehen zu können. Die flaggenbehangene Fassade des dreigeschossigen Hauses zeigt reiche Verzierungen aus elfischen Schnitzereien und Blattgold. Durch die Hofeinfahrt sieht man mehrere Wagen, die be- und entladen werden. Ein Botenreiter stiebt im Galopp durch das Tor davon.

Es dauert einen Moment, bis er diesen eindrucksvollen Anblick verarbeitet hat. Dann fallen ihm die unscheinbaren Kreidestriche auf. "Knauserig, bewaffnete Wächter, wohlhabend. Das ist offensichtlich. Hat wohl seinen Grund, warum dort nichts hilfreiches steht." Bis zum nächsten Stundenschlag betreten 37 Menschen das Gebäude, 41 verlassen es - darunter zwei Magier der Grauen Gilde.

Am Eingang steht ein Anschlagbrett mit mehreren Zetteln daran. Auf einem steht: "Gesucht: Geleitschutz für Handelszug durch orkverseuchtes Gebiet. Gute Bezahlung. Bestattungskosten werden im Todesfall übernommen." Die anderen sind ähnlich beschrieben. Von hier aus hat man auch einen näheren Einblick in den Hof. Neben der Wache am Tor - die zumeist nur gelangweilt das Treiben beobachtet - stehen zwei weitere am Eingang zum Haupthaus. "Gut gerüstete Leibgarde. Würde mich nicht wundern, wenn hier noch mehr davon rumlaufen."

"Wachablösung. Irgendwelche Vorkommnisse?" - "Das nicht. Aber da vorn lungerte vorhin einer rum und schaute immer mal wieder in unsere Richtung. Als es dunkel wurde, ist er verschwunden." - "Ich halte die Augen offen. Mögen die Zwölfe dir einen angenehmen Feierabend bescheren!"

Am nächsten Morgen bietet sich das gleiche Bild wie am Vortag. "So viele, wie dort ein- und ausgehen, da fällt einer mehr bestimmt nicht auf!" Als er auf die Hofeinfahrt zu tritt, kommt Leben in die gelangweilte Wache: "Die Zwölfe zum Gruße, wohin des Weges?"



"Phex zum Gruße! Mein Meister schickt mich. Ich soll einen Boten losschicken. Er sagte, es sei wichtig, einen von hier zu schicken." Er deutet vage in Richtung des Hofes. - "Da hat er wohl recht, die Silbernen Falken sind die zuverlässigsten Boten in ganz Aventurien! Am Haupthaus vorbei rechts neben dem Stall ist ihre Schreibstube."

Von wachsamen Blicken verfolgt, betritt er den Hof des Kontors. "Das ist ja besser gesichert als jeder Wehrhof!" Der offen stehende Eingang des Haupthauses gewährt einen Einblick in die Empfangshalle mit Edelholzvertäfelung, Springbrunnen und - hinter Glasscheiben - einer Sammlung exotischer Schätze. Von hier gehen einige Türen ab, die allesamt sehr stabil aussehen mit geschwungenen Lettern beschriftet sind. Eine davon geht gerade auf. Ein Mann tritt heraus, dreht sich um und schließt die Tür... ab. Dann sucht er vom großen Bund einen anderen Schlüssel und öffnet eine gegenüberliegende Tür, hinter der er verschwindet. Ein anderer kommt eine Treppe herunter. Auch er hantiert mit einem großen Schlüsselbund.

Der Blick schweift weiter auf ein kleineres Lagerhaus, wo gerade Lasten an einem Kran ins obere Stockwerk gehieft werden. Im angeschlossenen Wagenschuppen werden zwei Pferde vor eine geschlossene Kutsche gespannt. Daneben befindet sich die benannte Schreibstube. Sein Blick schwankt zwischen Haupthaus und Schreibstube.



"Hallo, kannst du mir sagen, wo das Archiv ist? Ich soll..." - "Nein, keine Ahnung."

"Hallo, kannst du mir sagen, wo das Archiv ist? Ich soll da was hin..." - "Aus dem Weg!"

"Hallo kannst du mir sagen, wo das Archiv ist? Ich soll da was hinbringen, habe aber die Beschreibung nicht ganz verstanden." - "Haupthaus, erstes Untergeschoss, dritte rechts." - "Danke!"

Wie viele Untergeschosse es wohl gibt, wenn das erste nummeriert ist? Und... wie kommt man da hin? Brauch ich so einen Schlüssel?

"He, Bursche, stehst du nur rum? Pack mal mit an!" Von einem bewachten Karren lädt ein Händler verschlossene Kisten.



"Ja... ok, klar! Wohin soll das denn?" Er hebt eine Kiste. "Uff... und warum ist das so schwer?" - "Sei froh, dass es nur Pergament und kein Gold ist! Da sind die Akten aus Festum drin, die müssen ins Archiv runter." Bei Phex, was für ein Zufall! Na gut, dann wollen wir dem netten Herrn doch mal helfen. Die Augen der Wache folgen ihm missmutig bis zur Tür des Hauptgebäudes.

Ein kurzer Blick auf die Schlösser macht klar, dass Dietriche recht nutzlos sind, wenn man in die Räume dahinter gelangen möchte. Die angestellten Schlüsselträger sehen rechtschaffen und gewissenhaft aus. Sie sind vermutlich genau deswegen angestellt worden. Da steht eine Tür offen. Sie erlaubt den Blick in eine Schreibstube. Ein Tisch, mehrere Stühle, ein Stapel Pergamente, ein Tintenfass... das einzig ungewöhnliche ist der mittelgroße Sack hinter dem Tisch.

Die Treppe nach unten wird von mehreren Laternen beleuchtet - und das in einer Stadt, in der jede Feuerstelle einzeln durch eine Komission genehmigt werden muss. Brandschutzauflage.

Das Archiv passt so gar nicht zum Rest dieses Hauses. Regale stehen kreuz und quer, Truhen und Kisten mit bis über den Rand gestapelten Registern nehmen jeglichen freien Platz des Raumes ein. "Stell sie einfach ab! Sortieren kann sie dann der, der darin was finden will." Der Händler geht zu einem Sack, der innen neben der Tür des Archivs steht, und nimmt eine Münze heraus. "Hier, für deine Mühen."

Allein, mit tausenden und abertausenden Seiten Papier und einem Sack voll Münzen. Sein Blick bleibt an letzterem hängen. "Das ist einfach... zu einfach. Wahrscheinlich keine gute Idee." Er wendet sich dem Raum zu. "Na dann mal los!"



Es ist mal wieder die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. "Hm. Die älteren Akten müssten hinten stehen, wenn sie keiner sortiert hat. Die neuen wurden einfach davor gestellt." Er schreitet über ein paar Kisten hinweg und bahnt sich den Weg zur gegenüberliegenden Wand. Dabei hebt er den ein oder anderen Ordner auf. "Hierher 1027.... komm komm.... sei ein liebes 1027...!"

Abschlussrechnungen mit Siegel aus Riva, abgehakte Einkaufslisten aus Festum, Gehaltslisten - teilweise geschwärzt - aus Beilunk. Daneben eine Sammlung aller Aventurischer Boten, inklusive unzensierte Versionen der vom KGIA konfiszierten Ausgaben. Alles nicht, was er sucht.

Eine Ausführung über die verheerende Wirkung Borbarads und eine Auflistung der im Jahr 1027 BF unternommenen Maßnahmen zum Schutz der Wagenlieferungen in 30 Akten. "Dahinter ist ein loser Zettel..."

An der Tür bleibt er stehen. Der Beutel steht auffordernd zu seinen Füßen. Er nimmt die Münze, die er vorhin vom Händler bekommen hat, und legt sie in den Beutel. "Danke, Phex!" Im Dämmerlicht das Abends verlässt er unbehelligt das Gebäude. Zurück bleiben ein unsortiertes Archiv und 30 Akten - ohne Zettel.



In der nächtlichen Stube schaut er sich die Karte genauer an. 10 Kreuze markieren... irgendwas. Darum verteilt Symbole mit Totenköpfen und Pfeilen. Unten auf dem Pergament prangt das Abbild mehrerer Häuser. Keine Notiz, keine Legende, kein einziges Wort auf dem Pergament. "Man muss von irgendwo loslaufen und an den entsprechenden Orten abbiegen. Hm, so richtig schlau werde ich daraus nicht." Er zeigt die Karte seiner Stundenkerze. Doch auch der Schein ihrer Flamme bringt kein Licht in die Angelegenheit.

Am nächsten Morgen öffnet Alrik seine Türe, so wie es seit über 30 Götterläufen sein Brauch ist. Zu Anfang kamen noch neugierige Adlige um seine Waren zu bestaunen, aber nach ein paar Jahren war ihre Neugier gestillt. Zuletzt wollten nicht einmal mehr Abenteuerer sein Antiquariat nach brauchbaren Schätzen durchforsten. Auch als Abnehmer gewisser Kuriositäten hatte man ihn vergessen. Ab und an vermachte man ihm den Nachlass eines Verstorbenen, wenn man nicht wusste, wohin mit dem Zeug. Er schmunzelt. "Jaja, die Jugend heutzutage... hat keinen Respekt mehr vor den alten Geschichten." Er will sich gerade umdrehen, da tritt überraschend ein junger Mann in sein Sichtfeld. Er trägt einen dunklen Mantel, seine Kapuze hängt über dem Gesicht. "Der schon wieder." Er seufzt, bevor er die Stimme zu einer normalen Unterhaltung erhebt. Die Worte hat er schon so oft gesprochen, dass sie immer gleich klingen: "Phex zum Gruße! Willkommen bei Alriks Altem Allerlei! Wie kann ich euch helfen?"



"Ja, das ist das Haus. Jetzt ist auch klar, warum Alrik sich davon fern halten würde." Die Fassaden dieses Viertels haben schon bessere Tage gesehen. Ein alter Bauernhof dient den Aussätzigen als Dach über dem Kopf. Die Bezeichnung ist hier buchstäblich zu lesen: Jene Menschen, die am Aussatz (neudeutsch: Lepra) leiden. Er begutachtet die Szenerie in gebührendem Abstand.

Beim Umrunden des Hauses fällt ihm hinter den Gebäuden ein kleiner Trampelpfad auf, der in das lang nicht mehr genutzte Brachland führt.



Baum ward zu Stumpf, Wiese zum Sumpf.
Amsel wurde zum Raben. Still, still, hörst du ihn klagen
über Gareths gefallene tapfere Schar? Nichts blieb mehr so, wie es einst war.
Und über den dunklen Landen, in denen alle ihr Schicksal fanden,
liegt drohend das alte, beschworene Wort: Fran-Horas! So meide den düsteren Ort!


Den Kinderreim hat er in der Stadt aufgeschnappt. Nur ein paar hundert Schritt in dem beschriebenen Landstrich bezeugen: Kindermund tut Wahrheit kund. Um ihn herum ist dichtes Gehölz. Nachtschwarze Föhren ragen aus graunebligem Dunst hervor. War es wirklich so klug, hierher zu kommen? Es muss sein, daran besteht kein Zweifel, aber zu welchem Preis?

Plötzlich lichtet sich der düstere Wald zu einer scheinbar harmlosen Heidelandschaft. In deren Mitte thront verlassen ein hoch aufragender Stein. Der Pfad endet hier.



Er schaut sich um. Außer ihm scheinen hier auch andere durchzukommen. Neben eindeutig humanoiden Spuren, die zum Stein und zurück führen, finden sich hier auch Hufabdrücke in der Größe von Schafen, Pfotenabdrücke in der Größe von Hunden und einige andere Spuren von Waldgetier. Manche lassen sich eindeutig einer Art zuordnen, andere nicht.

"Ein Stein ist nicht, was ich erwartet hatte. Habe ich etwas übersehen?" Er geht ein paar Schritte zurück in den Wald. Durch das dichte Unterholz kann man nicht gerade weit vorausschauen. Zu den Seiten noch weniger.

Ein kleiner Tümpel, mit Seerosen und anderen Wasserpflanzen bedeckt, liegt am Wegesrand. "War der eben auch schon hier?" Noch während er nachdenklich auf das Wasser starrt, fängt es an sich zu bewegen. Es fängt klein an, doch die Wellenkreise werden schnell größer. Bald schlagen sie an die Ufer, über die Ufer. Eine mannshohe Wand aus grünlich schimmerndem Wasser bricht über den Rand des kleinen Tümpels bis fast an seine Füße heran. Genauso schnell, wie es kam, fließt das Wasser wieder zurück und reißt alles mit sich, was am Ufer stand und lag: Äste, Baumstämme, Steine. Nur die Seerosen schwimmen wieder ruhig auf der glatten Wasserfläche, als wäre nichts gewesen.



Die Situation behagt ihm ganz und gar nicht. Seine Hände tasten nach den Dolchscheiden. Es sitzt alles, wie es soll. Das gibt zumindest etwas Sicherheit.

Langsam geht er zurück auf den Weg und in Richtung des großen Steines. Die Kapuze ist längst nach hinten gelegt, der Mantel weit offen. Die schwüle Luft im Dickicht des Waldes weicht dem sengenden Schein der Praiosstrahlen auf der Lichtung.

Hier muss es irgendo weitergehen. Nur... wo? Er schaut sich um. Zwei kleinere Pfade verlassen die Lichtung - einer nach links, einer nach rechts.



"Wenn Tote reden könnten, würden sie mir den linken Pfad empfehlen. Sehr freundlich!" Sorgfältig verschwindet die Karte wieder in seiner Tasche.

Der Pfad ist schmaler als der erste. Immer wieder versperren umgestürzte Bäume den Weg. Wuchernde Sträucher verlangsamen seine Schritte, Dornen verhaken sich im langen Mantel. So kommt er nur langsam voran. Die schwüle Luft trägt ihren Teil zur Erschöpfung bei, und schon bald vermeint er, Stimmen zu hören. Sind sie echt, oder nur Illusionen?

Person 1: "Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?"
Person 2: "Na klar, ich verlaufe mich nie!"
Person 3: "Ach ja? Und was war neulich, als uns die Gardisten durch die Stadt gejagt haben, weil die 'Abkürzung' über das Dach der Wachstube führte?"
Person 2: "Das war wirklich eine Abkürzung! Kann ich doch nicht wissen, dass die an dem Tag besonders aufmerksam sind."

Person 1: "Und gestern, als wir plötzlich im Thronsaal der Kaiserin standen?"
Person 2: "Warum hat die auch einen Eingang zu Untergareth im Nebenzimmer?"
Person 3: "Ja danke auch, deswegen sind wir jetzt hier und suchen für den kaiserlichen Quacksalber irgendein Unkraut!"

Person 2: "Halt endlich die Klappe, das ist immernoch besser als... Woah, schau mal, die ganzen Gräber!"
Person 1: "Unheimlich!"
Person 3: "Boron stehe uns bei!"

Person 1: "Nein, Praios stehe uns bei! Hier liegen die gefallenen der ersten Dämonenschlacht."
Person 2: "Man munkelt, dass sie noch immer kämpfen, jede Nacht, als Geister!"
Person 3: "Boron stehe uns bei!"

Vorsichtig schleicht er näher. Drei hagere Männer, jeder mit einem prall gefüllten Rucksack auf dem Rücken, stehen unschlüssig vor einem Feld der Verwüstung. Unzählige Mahnmale und Boronsräder künden vom Ausmaß des Frevels, der hier vor 1600 Götterläufen vom damaligen horasischen Kaiser begangen wurde. Dunkle Zeiten brachen an.



Die drei Männer sind scheinbar unbewaffnet. "Die sind wohl eher eine Gefahr für sich selbst, als für andere."

Person 1: "Kommt, lasst uns weiter. Ich will nicht herausfinden, ob deine Gerüchte wahr sind."
Person 3: "Ich auch nicht!"

Person 2: "Na dann... da lang."
Person 1: "Sicher?"
Person 2: "Ja klar!"
Person 3: *schaut Person 2 an*
Person 2: "Nein, aber hast du eine bessere Idee?"
Person 1: "Nee."
Person 3: *seufzt* "Also gut, da lang."

Sie wenden sich nach links. Ein paar Schritte später sind sie aus seinem Blickfeld verschwunden.



Als auch ihre Stimmen nicht mehr zu vernehmen sind, verlässt er seine Deckung und schleicht bis zur Lichtung. Die drei haben nicht gelogen. Vor ihm liegen die Überreste eines riesigen Schlachtfeldes.

Man erzählt sich von einem Kaiser, der unbarmherzig jeden Aufstand ersticken wollte. Fran-Horas der Blutige, dereinst Kaiser des bosparanischen Reiches, vermutete die Mörder seines Vaters in Gareth zu finden. Jahr um Jahr ließ er Garether Bürger nach Bosparan verschleppen und dort foltern, auf dass jemand gestehen würde. Keiner gestand, alle fanden den Tod. So kam es, dass der Kaiser selbst für den größten Aufstand der Geschichte Aventuriens verantwortlich war: Die Garether ließen sich das nicht länger bieten. Sie stürmten die Stadtfestung und vertrieben die kaiserlichen Vertreter. Fran-Horas rückte mit seiner ganzen Armee an. Doch die Garether waren bereit. Ein erbarmungsloser Kampf entbrannte. Als Fran-Horas zusehen musste, wie seinem Heer die Niederlage drohte, beging er den größten Fehler seiner Herrschaft: Er öffnete die Tore der Niederhöllen und rief die Erzdämonen auf das Feld. Das Blut der Garether tränkte bald den Boden, doch die Dämonen machten kehrt und sahen in die erschrockenen Gesichter der Kaiserlichen. Beide Heere wurden vernichtet. Das Ereignis ging als "Erste Dämonenschlacht" in die Geschichte ein. Jeder Versuch die Dämonenbrache zu läutern scheiterte.

Sein Blick hebt sich von der Karte in die Richtung, in der die drei Gestalten längst nicht mehr zu sehen sind. "Arme Seelen." Dann wendet er sich nach rechts.

Die Stunden verrinnen, während er sich durch dichtes Gestrüpp zwängt, das den Weg versperrt. Die Praiosscheibe hat ihren höchsten Stand längst verlassen, da bemerkt er eine Bewegung. Zu spät, denn er wurde auch bemerkt.

P: "Hey, wer da?"
S: "Ich.. Szeth. Und wer dort?"

Eine Geweihte des Praios tritt aus dem Unterholz.

P: "Praios sei Dank, Ihr seid ein Mensch. Ich bin Praiolina Sonnenbach. Was macht Ihr hier?"
S: "Ich schaue mir die Plätze längst vergangener Tage - schlimmerer Tage - an. Aber, wen hast du erwartet, wenn keinen Menschen? Und... was machst du hier?"
P: "Ich erwartete das, wovon die Bauern sprechen: Wölfe, verdorbene Wildschweine, Dämonen oder Wegelagerer. Ihr seid doch kein Wegelagerer?"
S: *zuckt mit den Schultern* "Ich hörte davon. Bist du so einem Wesen schon begegnet? Ich vergelte gleiches mit gleichem. Wenn ich nichts vor dir zu befürchten habe, so hast du nichts vor mir zu befürchten. Das ist kein Ort, an dem ich mich länger aufhalten möchte als nötig. Was möchtest du?
P: *nickt nachdenklich* "Ich bin auf meiner Inquisitorenprüfung. Die Aufgabe eines jeden Inquisitors ist es, eine Nacht in der Brache zu verbringen. Jene, die am Morgen die Brache wieder verlassen, haben Praios' Segen. Alle anderen..." *schaudert*
S: "Keine einfache Aufgabe an diesem götterlosen Ort. Aber hast du kein Vertrauen, dass Praios dich begleiten wird?"
P: "Es ist nicht ganz götterlos, denn Praios ist immer bei mir."
S. *nickt* "Und... ist das die Aufgabe eines jeden angehenden Inquisitors?"
P: "Ja, jeder verbringt eine Nacht in der Brache. Das formt unseren Mut und Willen, Praios' Wort durchzusetzen."
S: *nickt erneut* "Dann solltest du auf das vorbereitet sein, dass dich hier erwartet. Versteh mich nicht falsch. Misstrauen ist gut, aber du solltest keine Angst haben, hier zu sein. Angst lähmt dich, lässt dich langsam werden. Hier draußen ist das dein Tod. Vertraue auf deine Ausbildung und du wirst noch lange in Praios Namen handeln können." *schaut gen Himmel 'Wenn er dir beisteht.'*
P: *schaut nachdenklich* "Ja, vermutlich. Hey, welche Orte hast du denn schon besucht? Warst du beim Golgari- oder dem verschollenen Mabotempel? Oder hast du gar das Grab des Heiligen Hluthars gefunden?"
S: "Ich kann die Orte nich benennen. Einen See habe ich gefunden, doch ich würde dir nicht raten dorthin zu gehen. Etwas scheint darin zu leben. Ansonsten habe ich das Feld gesehen, auf dem mehr Boronsräder stehen als es in manchem Dorf Einwohner gibt. Kein schöner Anblick das..."
P: "Ja, das Feld ist auch mein Ziel. Ich sollte noch vor Einbruch der Dunkelheit dort sein." *schaut zum Himmel* "Ich muss weiter. Pass auf dich auf und möge Praios mit dir sein!"
S: "Pass auf dich auf und möge Praios auch mit dir sein!"

"Eine Nacht hier verbringen. Deine Wege mögen seltsam sein..." Er blickt der Praiotin einen Moment nach. Kurz bevor sie aus dem Blickfeld verschwindet, hebt er die Stimme:

S: "Hey, ist es dir verboten die Nacht in Gesellschaft zu verbringen? Du könntest mir mehr Geschichten über diesen Ort erzählen."
P: "Es hat seinen Grund, weshalb wir alle einzeln in die Brache geschickt werden..." *winkt zum Abschied*
S: "Bedenke noch folgendes: Praios ist das Licht, das hellste am Himmel, ganz ohne Frage. Und auch wenn du ihm dienen magst, ist es dir trotzdem gestattet, auch um den Segen des Herrn der Schatten zu bitten. Auf das dir seine Sterne genug Licht für die Nacht spenden mögen. Wenn du möchtest, kann ich im nächsten Tempel eine Münze in deinem Namen abgeben."
P: *legt den Kopf nachdenklich schräg* "Danke!"
Dann dreht sie sich um und verschwindet bald hinter der nächsten Baumreihe.

Die Stille der zirpenden Grillen ist bedrückend. Langsam setzt er seinen Weg fort, bis er an ein Feld schwarzen Mohns kommt, der sich träge in den Wellen des Windes bewegt.



Ein Blick auf die Karte lässt ihn stutzig werden. "Wenn Tote reden könnten, würden sie mir den Weg nach rechts empfehlen. Aber kann man den Toten trauen?" Er vergleicht die Symbole auf der Karte mit den Symbolen an den bisherigen Landmarken. Seine Augen wandern ein paar Mal hin und her. Unsicher faltet er die Karte zusammen und wagt einen Schritt nach links. Sorgsam darauf bedacht, wo er hintritt, setzt er einen Fuß vor den anderen. Bald hat er das Mohnfeld hinter sich gelassen.

"Bei phexens heiligem Arsch, wie lang soll ich denn noch durch die Dämonenbrache stapfen?" Wieder hat sich sein Mantel in dornigem Gestrüpp verhakt, das über den lange schon nicht mehr genutzten Pfad wuchert. Ein paar Flüche später steht er vor den Ruinen eines alten Bauernhofes. Neugierig sieht er sich um. Vieles ist zerfallen, anderes von Moos und Ranken überwachsen. Einzig eine Truhe scheint die Zeit schadlos überdauert zu haben - oder sie wurde später hier hergebracht. "Na dann wollen wir doch mal sehen, was sich da drin versteckt." Das Schloss ist knifflig, aber kein großes Problem mit dem richtigen Werkzeug. Er hebt den Deckel.

"Sieh einer an. Ich denke, das ist, was ich finden sollte!"



"Ob die Handschuhe wohl passen?" Neugierig streift er sie über die Finger. "Nicht maßgeschneidert, aber trotzdem nicht unpassend." Als er die Kiste nach einem Geheimmechanismus oder ähnlichem absucht, ist es, als würde er jede Faser des Holzes durch den Stoff fühlen. "Huh." Weitere Geheimnisse hat die Truhe allerdings nicht.

Als er den Tempel der Großstadt verlässt, fällt eine Sternschnuppe über den Efferdhimmel. Wie es ihr wohl ergehen mag?

Das Bernsteinamulett an ihrem Hals leuchtet schwach in der aufkommenden Dunkelheit. Ihre rechte Hand umklammert unruhig den Griff des Sonnenzepters. Langsam zieht Nebel auf, der die Lichtung in ein undurchsichtiges Schwadenmeer verwandelt. Was anderswo ein friedvoller, mystischer Anblick wäre, lässt hier jeden Muskel anspannen, bereit zur Flucht vor dem Grauen des Verborgenen. Sie denkt an die Worte ihres Ausbilders: "Dies ist der Grund, weshalb Magie so gefährlich ist." Schreie gellen über das Feld. Es hat begonnen.
Schemenhafte Umrisse unzähliger Schatten huschen durch die Nacht. Was eben noch tapfer und verheißungsvoll klang, gleicht nun dem letzten Quieken abgeschlachteter Schweine. All der Schmerz, all die Tränen der Gefallenen liegen in der Luft. Stundenlang sitzt sie da, umklammert ihr Amulett und betet zu Praios, er möge die hoffnungslosen Seelen endlich erretten. Doch für diese Seelen kommt jede Rettung zu spät. Immer wieder stechen blanke Schwerter durch den Nebel um bald darauf rot getränkt wieder darin zu versinken. Eine dröhnende Stimme kreischt verzerrte Wortfetzen über das Schlachtfeld. "Dies ist der Grund, weshalb Magie kontrolliert werden muss."
Ein flammender Blitz zuckt über den Himmel. Im gespenstischen Schein sieht sie eine gekrönte Silhouette beim Beschwörungstanz. Unzählige rote Augenpaare starren sie an, greifen mit ihren silbrigen Klauen nach ihr. Das Licht ihres Amuletts ist das einzige, was sie davor bewahrt, in die Fänge der Dämonen zu gelangen. Aufgebracht und wütend drehen sie ab, wenden sich wieder jenen zu, die ohne Schutz sind. Die Stimme des Gekrönten hallt erneut über das Feld: "Diese nicht! Nicht diese, bei Boron und allen Finstersphären!" Nutzlos.
Als sich der Nebel am morgen lichtet, liegt das Schlachtfeld da wie seit über tausend Götterläufen. Niemand kann diese Seelen retten. Sie sind verloren an die Niederhöllen, gemahlen in der Seelenmühle, auferstanden als Dämonen, nicht mehr als ein Schatten, der die Nacht verfinstert. "Dies ist der Grund, weshalb alle Magie ausgebrannt werden muss. Brennt sie aus, bevor sie uns ausbrennt!"

Das beste Haus am Platze der Zwölfgötter hat er sich prunkvoller vorgestellt. Mit Gold verzierte Türen oder sowas. Stattdessen sieht es eher gutbürgerlich aus, mit einem Stall an der Seite und zwei Wachen vor dem Eingang. Gut, anders als bei anderen Häusern tragen diese Wachen das Bildnis eines schwarzen Panthers am Hals. Alle Gäste werden einzeln von einem Diener empfangen und begrüßt. Die Kreide an der Hauswand warnt vor Aufdringlichkeit oder unbefugtem Eindringen. Hier sind andere Talente gefragt.



"Seit ihr Vater in den wohlverdienten Ruhestand gegangen ist, führt die Tochter der Familie, Praiosmin, das Haus. Man munkelt, die Bugenhogs hätten ihr schon mehrmals ein Kaufangebot gemacht. Doch Praiosmin hat immer ausgeschlagen. Ein Teil seiner Berühmtheit geht auf den großen Komfort des Hauses zurück, der Praiosmine noch wichtiger ist, als der Prunk. Aber genauso wichtig ist eine gute Küche. Und wer wäre da ein besserer Küchenchef als Jandhold von Mersingen? Eben. Aber ich selbst konnte noch nicht in den Genuss all dessen kommen. Es ist viel zu teuer."

Neben den offensichtlichen Wachen trägt auch der Stalljunge ein Panthertattoo. Immer zur sechsten Stunde am Morgen erscheinen zwei Magier an der Tür und murmeln etwas.

"Mhmm, ein fein-herber Weißwein aus dem Yaquirtal. Recht selten. In Gareth bekommt man ihn nur an einer Stelle. Bedauere, aber damit kann ich nicht dienen."



"Wo? Haha, na drüben im Seelanders!" Keine große Hilfe.

Mal sehen, ob der Stalljunge nützlichere Informationen hat.

"Phex zum Gruße!"
"Die Zwölfe zum Gruße! Wollt ihr ein Pferd abholen?"
"Nein, nicht direkt. Ich fragte mich nur, wofür dein Tattoo steht. Das habe ich hier noch nicht gesehen."
"Dann seid ihr noch nicht lange hier. Es steht für die Panthergarde, I. Regiment der Löwengarde, Leibwache der Kaiserin."
"Oh, ich wusste nicht, dass die Kaiserin bei den Bürgern speist."
"Tut sie nicht. Ich bin ehemaliges Mitglied eben jener Truppe."
"Und... nun bist du Stalljunge? Ein harter Job. Wirst du gut bezahlt?"
"Das geht dich nichts an."
Eine Münze blinkt in seiner Hand.
"Sicher? Ich würde mich gern noch etwas mit dir unterhalten."
"Sicher. Du solltest jetzt gehen." Das warme Lächeln auf seinen Lippen lässt keinen Zweifel an der Autorität dieser Aussage.



Eine Woche des Wartens vergeht. "Hoffentlich hat der Stallbursche mein Gesicht bereits vergessen. Aber irgendwie muss man da ja reinkommen, schaffen andere doch auch."

Der nächste Versuch ist direkter. Er geht auf die Wachen am Eingang zu. Doch bevor er Gelegenheit hat sie anzusprechen, tritt ein Diener aus dem Eingang.

"Die Zwölfe zum Gruße geehrter Herr. Was kann ich für Euch tun?"
"Ich, äh, arbeite für einen angesehenen Kaufmann namens Alrik. Dieser ist gerade dabei ein großes Geschäft abzuschließen. Wenn das klappt, möchte er natürlich entsprechend feiern und ich soll dafür ein angemessenes Gasthaus auswählen. Ich hörte, dies ist das einzige Haus, in dem man 'Aquenauer Südhang' bekommen kann?"
"Nun, wir haben die verschiedensten Weine vorrätig. Ob dieser eine dabei ist, bin ich mir gerade nicht sicher. Kommt herein und nehmet an einem der Tische Platz. Ich werde mich in der Zeit erkundigen."

Das Bild eines Eichenkönigs ziert den Empfangssaal. Doch es ist nicht irgendein Bild, nein. Dieses bewegt sich, der große Baum wiegt seicht im unsichtbaren Wind. Darunter steht in geschwungengn Lettern "Golodion Seemond" - offenbar ein elfischer Name. Edle Hölzer zieren Wände und Decken, jeder Stuhl ist mit feinster alanfanischer Seide bezogen.

"Dies ist Pavel. Er wird Euch in den Weinkeller führen. Dort könnt Ihr Euch von der Auswahl selbst überzeugen."

Pavel streckt zum Gruße die Hand aus. Als der Mann im dunklen Mantel Pavels Hand nimmt, dreht dieser leicht das Handgelenk und mustert das Symbol auf dem Handschuh. Er nickt bestätigend.

"Bitte folgt mir."

Durch eine Tür hinterm Empfangstresen und einen Raum, den man anderswo als Gardistenstube bezeichnen könnte, führt Pavel den Besucher in einen hinteren Flur. Normalerweise ist dieser Teil wohl nur den Bediensteten zugänglich. Über eine Treppe geht es in die Kellerräume. Am Ende des Ganges öffnet Pavel einen Raum, in dem - neben den normalen Weinregalen - auch mehrere mannshohe Fässer nebeneinander liegen. Eines davon trägt den Namen 'Aquenauer Südhang'.

"Es ist lange her, dass jemand nach dieser Sorte fragte und das passende Siegel bei sich trug. Möge Phex Euch bald wieder zu uns führen!" - "Ja, danke."

Die Tür des Weinkellers schließt sich. Er ist allein. "Na toll. Und jetzt?" Er begutachtet das Fass genauer. "Vielleicht ein geheimer Mechanismus?" Tatsächlich! Nach kurzer Suche findet er einen versteckten Hebel, der die Vorderseite des Fasses öffnet. Es ist leer. Die hintere Seite ist nicht verschlossen und führt zu einem kleinen Raum, der offenbar nur wenigen bekannt ist. In seiner Mitte steht ein Schrein des Fuchsgottes.



Ein Gebet später entdeckt er die Zeichen an der gegenüberliegenden Wand. "Was das wohl - oh, noch eine Tür. Puh, das stinkt!"

Mit Geschirrtuch vor dem Mund und einer Laterne aus dem Weinkeller tastet er sich vor. Kurz vor einer Treppe nach unten fällt dabei ein Ziegelstein in der Wand auf, denn er ist lose. "Na dann schauen wir doch mal, ob er ein Geheimnis birgt." Auf der Rückseite steht tatsächlich etwas. Unschlüssig legt er ihn zurück. Dann klettert er vorsichtig die Treppe hinunter.
Der Gang der Kanalisation zieht sich einige hundert Schritt lang, bevor seine Finger durch die Handschuhe erneut einen losen Ziegel ertasten. Auch auf seiner Rückseite steht etwas. Ratlos legt er ihn zurück.

Ein paar Ziegel - und Umwege - weiter, hört er entfernt ein Rauschen, das immer lauter wird, je weiter er geht. Bald steht er vor einer kleinen Kaverne, aus deren Wänden mehrere Abflüsse der Kanalisation tosend in die Tiefe stürzen. Ein Boden ist nicht zu sehen. Von seinem Gang aus führt ein Vorsprung, glitschig und mit Feuermoos bewachsen, bis über die Mitte der Kaverne. "Ob hier wohl auch ein Ziegel zu finden ist?" Suchend tasten seine Finger die Wand entlang. Sein Gespür hat ihn nicht getäuscht. Sorgsam liest er die Anweisungen auf der Rückseite. Dann schaut er nachdenklich über den Rand der Kaverne, geht vorsichtig ein paar Schritte auf den Vorsprung hinaus. Ein letztes Mal atmet er tief durch.

Dann springt er mit einem Salto in die Dunkelheit.



Hier endet diese Erzählung. Doch seid gewiss: Die Geschichte des Mannes im Kapuzenmantel ist noch lange nicht vorbei!
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Perfection is great, but it's not enough. (Benjamin Zander)
[DSA5] Mit Mantel, Schwert und Zauberstab (Gruppenleiter und Elfenspieler - Das größte Problem des Rollenspiels.)
[DSA5] Mit Umhang, Axt und Wanderstock (Spielleiter)
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